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Unternehmens­nachfolge im Handwerk: Heraus­forder­ungen und Lösungen für konzessions­pflichtige Betriebe

10 min Lesezeit

Die Unternehmensnachfolge stellt viele Handwerksbetriebe vor große Herausforderungen. Insbesondere bei konzessionspflichtigen Gewerken ergeben sich besondere Anforderungen, die sowohl Übergeber als auch Nachfolger beachten müssen. Dieser Artikel beleuchtet die spezifischen Aspekte der Handwerksnachfolge und gibt praktische Tipps für eine erfolgreiche Betriebsübergabe.

Die aktuelle Situation im Handwerk

Das Handwerk steht vor einem demografischen Wandel von historischem Ausmaß. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) stehen in den kommenden fünf Jahren etwa 125.000 Handwerksbetriebe zur Übergabe an. Dies entspricht fast einem Viertel aller Handwerksbetriebe in Deutschland.

Die Herausforderungen sind vielfältig:

  • Fehlendes Interesse der nächsten Generation an der Übernahme des Familienbetriebs
  • Zunehmender Fachkräftemangel, der auch potenzielle externe Nachfolger betrifft
  • Besondere Qualifikationsanforderungen, insbesondere bei konzessionspflichtigen Handwerken
  • Wachsende Konkurrenz durch industrielle Anbieter und Online-Plattformen
  • Steigende Anforderungen an Digitalisierung und moderne Geschäftsmodelle

Gerade für konzessionspflichtige Handwerke ist die Nachfolgesituation besonders angespannt, da hier nicht nur unternehmerische Kompetenz, sondern auch spezifische fachliche Qualifikationen nachgewiesen werden müssen.

Konzessions­pflichtige Handwerke: Besonder­heiten bei der Nachfolge

Konzessionspflichtige oder zulassungspflichtige Handwerke sind solche, die laut Handwerksordnung (HwO) nur von Personen mit Meistertitel oder vergleichbarer Qualifikation ausgeübt werden dürfen. Zu diesen Gewerken zählen unter anderem:

  • Elektrotechniker
  • Installateur und Heizungsbauer
  • Kälte- und Klimatechniker
  • Kfz-Techniker
  • Friseure
  • Augenoptiker
  • Hörgeräteakustiker
  • Orthopädietechniker
  • Schornsteinfeger
  • Zahntechniker

Bei der Übernahme eines konzessionspflichtigen Handwerksbetriebs muss der Nachfolger grundsätzlich den entsprechenden Meistertitel oder eine gleichwertige Qualifikation nachweisen, um den Betrieb führen zu dürfen. Dies stellt eine erhebliche Hürde dar, die den Kreis potenzieller Nachfolger deutlich einschränkt.

Lösungs­ansätze für kon­zessions­pflichtige Betriebe

Es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten, wie auch ohne eigenen Meistertitel ein konzessionspflichtiger Handwerksbetrieb übernommen werden kann:

  1. Betriebsleiter­modell: Ein angestellter Meister fungiert als technischer Betriebsleiter, während der Nachfolger die kaufmännische Führung übernimmt. Der Betriebsleiter muss in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis stehen und ausreichend Zeit für seine Aufgaben haben.

  2. Ausnahme­bewilligung nach § 8 HwO: Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Handwerkskammer Ausnahmebewilligungen erteilen, wenn der Nachfolger besondere berufliche Erfahrungen und Kenntnisse nachweisen kann.

  3. Unternehmer­gesellschaft mit Meister: Gründung einer GmbH oder UG, bei der ein Meister als Gesellschafter und Geschäftsführer fungiert, während der Nachfolger als weiterer Gesellschafter und ggf. Geschäftsführer einsteigt.

  4. Pachtmodell mit Option auf späteren Kauf: Der Betrieb wird zunächst gepachtet, während der Nachfolger parallel die Meisterqualifikation erwirbt, um dann später den Betrieb vollständig zu übernehmen.

  5. Partnerschafts­modell für den Übergang: Der Alteigentümer (mit Meistertitel) bleibt für eine Übergangszeit im Unternehmen, während der Nachfolger seine Qualifikation erwirbt.

Jedes dieser Modelle hat seine spezifischen Vor- und Nachteile und muss individuell auf die jeweilige Situation abgestimmt werden.

Der Nachfolge­prozess im Handwerk – Schritt für Schritt

Eine erfolgreiche Nachfolge im Handwerk erfordert eine sorgfältige Planung und Umsetzung. Folgende Schritte haben sich in der Praxis bewährt:

1. Frühzeitige Planung (3-5 Jahre vor geplanter Übergabe)

  • Analyse der persönlichen und betrieblichen Situation
  • Definition der Übergabeziele (Verkauf, familieninterne Nachfolge, etc.)
  • Erstellung eines Zeit- und Maßnahmenplans
  • Beratungsgespräch mit der Handwerkskammer und Steuerberater

2. Unternehmens­analyse und -bewertung

  • Ermittlung des Unternehmenswertes durch einen Fachmann
  • Analyse von Stärken, Schwächen und Zukunftsperspektiven
  • Identifikation von Optimierungspotenzialen vor der Übergabe
  • Bereinigung von Altlasten (rechtlich, finanziell, organisatorisch)

3. Nachfolger­suche und -auswahl

  • Definition des idealen Nachfolgerprofils unter Berücksichtigung der Qualifikationsanforderungen
  • Nutzung verschiedener Kanäle zur Nachfolgersuche (Handwerkskammer, Branchennetzwerke, spezialisierte Online-Plattformen)
  • Vorauswahl und Gespräche mit potenziellen Kandidaten
  • Überprüfung der fachlichen und persönlichen Eignung

Praxistipp: Auf der Plattform viaductus können Interessenten gezielt nach Handwerksbetrieben mit oder ohne Konzessionserfordernis filtern. Dies erleichtert die Suche erheblich, da potenzielle Übernehmer direkt erkennen können, ob sie die notwendigen Qualifikationen mitbringen oder alternative Modelle in Betracht ziehen müssen.

4. Übergabe­konzept und Vertrags­gestaltung

  • Festlegung der Übergabeform (Share Deal) oder Asset Deal
  • Erarbeitung eines detaillierten Übergabekonzepts
  • Klärung steuerlicher und rechtlicher Fragen
  • Gestaltung der Vertragswerke durch spezialisierte Rechtsanwälte

5. Finanzierung der Nachfolge

  • Ermittlung des Finanzierungsbedarfs
  • Prüfung verschiedener Finanzierungsmöglichkeiten
  • Beantragung von Fördermitteln und Bürgschaften
  • Verhandlung mit Banken und anderen Kapitalgebern

6. Übergabe­phase und Einarbeitung

  • Strukturierte Einarbeitung des Nachfolgers
  • Schrittweise Übertragung von Verantwortungsbereichen
  • Gemeinsame Gespräche mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern
  • Wissenstransfer zu wichtigen Betriebsabläufen und -geheimnissen

7. Nachbetreuungs­phase

  • Beratende Unterstützung durch den Alteigentümer für einen vereinbarten Zeitraum
  • Regelmäßige Feedbackgespräche
  • Graduelle Reduzierung des Einflusses des Altinhabers

Besonderheiten bei der Bewertung von Handwerks­betrieben

Die Bewertung eines Handwerksbetriebs unterscheidet sich in einigen Punkten von der Bewertung anderer Unternehmen:

Werttreiber im Handwerk

  1. Kundenstruktur und -bindung: Langjährige Kundenbeziehungen und Wartungsverträge steigern den Wert erheblich.

  2. Mitarbeiter­qualifikation: Gut ausgebildete, loyale Mitarbeiter sind besonders wertvoll.

  3. Markt­positionierung: Spezialisierung und Alleinstellungsmerkmale erhöhen den Unternehmenswert.

  4. Maschinen- und Fuhrpark: Der Zustand und die Modernität der technischen Ausstattung beeinflussen die Bewertung.

  5. Betriebliche Organisation: Dokumentierte Prozesse, digitale Tools und moderne Managementsysteme wirken wertsteigernd.

Bewertungs­methoden für Handwerks­betriebe

Die gängigsten Methoden zur Bewertung von Handwerksbetrieben sind:

  • Modifiziertes Ertragswert­verfahren: Basierend auf dem bereinigten EBIT der letzten 3-5 Jahre mit einem branchenüblichen Multiplikator (meist zwischen 3 und 6)

  • Substanzwert­verfahren: Besonders relevant bei asset-intensiven Handwerksbetrieben

  • Praktiker­methode: Umsatz × Branchenfaktor + Substanzwert = Unternehmenswert

Eine professionelle Bewertung sollte stets mehrere Methoden kombinieren und die individuellen Besonderheiten des Betriebs berücksichtigen.

Rechtliche und steuerliche Aspekte der Handwerks­nachfolge

Rechtsform­wahl und -gestaltung

Die Wahl der richtigen Rechtsform ist besonders bei konzessionspflichtigen Handwerken von Bedeutung:

  • Einzelunternehmen: Einfachste Form, aber der Inhaber muss die notwendige Qualifikation nachweisen.

  • GmbH/UG: Ermöglicht die Trennung zwischen Gesellschaftern und qualifizierter Geschäftsführung, ideal für das Betriebsleitermodell.

  • GmbH & Co. KG: Bietet Haftungsbeschränkung und steuerliche Flexibilität, erfordert aber entsprechende Qualifikation bei den geschäftsführenden Personen.

Steuerliche Optimierung

Bei der Handwerks&shynachfolge gibt es verschiedene steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten:

  • Nutzung von Freibeträgen bei familieninterner Nachfolge
  • Schrittweise Übertragung zur Verteilung der Steuerlast
  • § 6b EStG zur Übertragung stiller Reserven
  • Betriebsaufspaltung zur optimierten Vermögensstrukturierung
  • Einbringung in eine Personen­gesellschaft mit anschließender Anteilsübertragung

Eine frühzeitige steuerliche Beratung kann erhebliche finanzielle Vorteile bringen und sollte daher fester Bestandteil der Nachfolgeplanung sein.

Finanzierungs­möglichkeiten für Handwerks­nachfolger

Die Finanzierung der Übernahme stellt viele Nachfolger vor große Herausforderungen. Folgende Optionen stehen zur Verfügung:

Eigen- und Fremdkapital­finanzierung

  • Bankdarlehen: Klassische Hausbank oder spezialisierte Finanzierer für Unternehmensübernahmen
  • Beteiligungskapital: Mittelständische Beteiligungsgesellschaften oder private Investoren
  • Mezzanine Finanzierung: Mischformen zwischen Eigen- und Fremdkapital

Öffentliche Förderung

Speziell für Handwerksnachfolgen gibt es attraktive Förderprogramme:

  • KfW-Unternehmerkredit: Günstige Konditionen für Übernahmen
  • ERP-Gründerkredit: Speziell für Nachfolger und Existenzgründer
  • Bürgschaftsbanken: Absicherung von Bankdarlehen bei fehlendem Eigenkapital
  • Regionale Förderprogramme: Je nach Bundesland unterschiedliche Angebote

Alternative Finanzierungs­modelle

  • Verkäuferdarlehen: Der Alteigentümer stundet einen Teil des Kaufpreises
  • Earn-Out: Kaufpreiszahlung gekoppelt an zukünftige Unternehmensentwicklung
  • Ratenkauf: Schrittweise Übernahme und Bezahlung des Unternehmens
  • Leasing von Betriebs­ausstattung: Schonung der Liquidität bei der Übernahme

Digitalisierung als Chance in der Nachfolge

Die Digitalisierung bietet gerade im Rahmen einer Nachfolge große Chancen für Handwerksbetriebe:

Digital&shyisierungs­maßnahmen mit schnellem ROI

  1. Digitales Kunden­management: CRM-Systeme für bessere Kundenbindung und effizientere Prozesse
  2. Online-Terminvereinbarung: Reduzierung des Verwaltungsaufwands
  3. Digitale Angebots­erstellung: Schnellere und professionellere Angebotserstellung
  4. Mobiles Aufmaß: Zeitersparnis und Fehlervermeidung
  5. Digitale Zeiterfassung: Transparente Projektabrechnung

Langfristige Digital&shyisierungs­strategie

  1. ERP-System: Integrierte Unternehmenssteuerung
  2. Digitale Kundenakquise: Webseite, Social Media, Online-Marketing
  3. Vernetzung von Maschinen und Geräten: Effizienzsteigerung und Fernwartung
  4. Datenbasierte Geschäfts­modelle: Neue Einnahmequellen erschließen

Die Implementierung digitaler Lösungen kann den Wert des Handwerksbetriebs erheblich steigern und sollte idealerweise bereits vor der Übergabe begonnen werden.

Fazit: Erfolgsfaktoren für die Handwerks­nachfolge

Die erfolgreiche Nachfolge im Handwerk, insbesondere bei konzessionspflichtigen Betrieben, basiert auf mehreren Schlüsselfaktoren:

  1. Frühzeitige Planung: Mindestens 3-5 Jahre vor der geplanten Übergabe beginnen
  2. Professionelle Begleitung: Spezialisierte Berater für rechtliche, steuerliche und betriebswirtschaftliche Fragen hinzuziehen
  3. Realistische Bewertung: Faire Preisfindung auf Basis anerkannter Bewertungsmethoden
  4. Qualifikationsmanagement: Kreative Lösungen für konzessionspflichtige Handwerke entwickeln
  5. Strukturierte Übergabe: Klare Vereinbarungen und ausreichende Einarbeitungszeit
  6. Zukunftsorientierung: Modernisierung und Digitalisierung als Werttreiber nutzen
  7. Kommunikation: Offener Dialog mit Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten

Mit einer durchdachten Strategie und der Nutzung spezialisierter Plattformen wie viaductus, die gezielt die Besonderheiten konzessionspflichtiger Handwerke berücksichtigen, kann die Nachfolge im Handwerk erfolgreich gestaltet werden. Dies sichert nicht nur den Fortbestand des einzelnen Betriebs, sondern trägt auch zur Stärkung des gesamten Handwerks bei – einem Wirtschaftszweig, der für unsere Gesellschaft unverzichtbar ist.

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Über den Autor

Christopher Heckel

Christopher Heckel

Co-Founder & CTO

Christopher hat als CTO des Mittelstandsfinanziers Creditshelf die digitale Transformation von Finanzlösungen für den Mittelstand geleitet. Viaductus wurde mit dem Ziel gegründet, mit Technologie für Unternehmensübernahmen und -verkäufe Menschen zu unterstützen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen.

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