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Unternehmen (fast) ohne Eigenkapital kaufen: Strategien für MBI-Kandidaten

10 min Lesezeit

Unternehmen (fast) ohne Eigenkapital kaufen: Strategien für MBI-Kandidaten

Der Traum vom eigenen Unternehmen scheitert häufig an der Finanzierungsfrage. Besonders für Management-Buy-In (MBI) Kandidaten, die von außen in ein Unternehmen einsteigen wollen, stellt der Kapitalbedarf eine erhebliche Hürde dar. Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie auch mit wenig oder nahezu ohne Eigenkapital ein Unternehmen erwerben können.

Warum ist ein Unternehmens­kauf ohne Eigenkapital überhaupt möglich?

Der Kauf eines Unternehmens ohne substanzielles Eigenkapital mag zunächst unrealistisch erscheinen. Doch unter bestimmten Voraussetzungen ist es durchaus möglich. Der Schlüssel liegt im Wert des Unternehmens selbst:

  1. Cash-Flow-Stärke: Unternehmen mit stabilen, vorhersehbaren Erträgen können ihre eigene Übernahme finanzieren
  2. Asset-Basis: Vorhandene Vermögenswerte können als Sicherheit für Finanzierungen dienen
  3. Zukunfts­perspektive: Überzeugendes Wachstumspotenzial macht das Unternehmen für Investoren attraktiv

In der Praxis wird fast nie komplett ohne Eigenkapital finanziert – ein Mindestmaß an eigenen Mitteln (oft 10-15% der Kaufsumme) wird in den meisten Fällen erwartet. Dennoch gibt es Strukturierungsmöglichkeiten, die den Eigenkapitalbedarf erheblich reduzieren.

Welche Finanzierungs­strategien eignen sich für MBI-Kandidaten?

1. Leveraged Buy-Out (LBO)

Der Leveraged Buy-Out ist die klassische Methode für eigenkapitalschwache Unternehmenskäufe. Dabei wird der Großteil des Kaufpreises durch Fremdkapital finanziert, wobei das Zielunternehmen selbst als Sicherheit dient.

Wie funktioniert ein LBO?

  1. Gründung einer Akquisitions­gesellschaft (Special Purpose Vehicle, SPV)
  2. Aufnahme von Fremdkapital durch die Akquisitions­gesellschaft
  3. Kauf des Zielunternehmens
  4. Fusion von Akquisitions­gesellschaft und Zielunternehmen (Debt Push-Down)
  5. Rückzahlung der Kredite aus dem operativen Cash-Flow des gekauften Unternehmens

Finanzierungsquellen beim LBO:

  • Senior Debt: Bankdarlehen mit erstrangiger Besicherung (50-60% der Kaufsumme)
  • Mezzanine-Kapital: Nachrangige Darlehen mit höheren Zinsen (10-20%)
  • Verkäufer­darlehen: Stundung eines Teils des Kaufpreises (10-25%)
  • Eigenkapital: Mindestbeitrag des Käufers (10-15%)

Voraussetzungen für einen erfolgreichen LBO:

  • Stabile, vorhersehbare Cash-Flows
  • Moderates Wachstum (zu hohes Wachstum bindet Liquidität)
  • Niedrige bestehende Verschuldung
  • Realistischer Tilgungsplan (DSCR > 1,3)

Ein Beispiel: Bei einem Unternehmenswert von 2 Mio. Euro könnte die Struktur so aussehen:

  • 1,1 Mio. Euro Senior Debt (55%)
  • 300.000 Euro Mezzanine (15%)
  • 400.000 Euro Verkäufer­darlehen (20%)
  • 200.000 Euro Eigenkapital (10%)

2. Verkäufer­darlehen und Earn-Out

Besonders bei inhabergeführten Unternehmen kann der Verkäufer selbst als Finanzier auftreten.

Verkäufer­darlehen:

  • Der Verkäufer stundet einen Teil des Kaufpreises als Darlehen
  • Übliche Größenordnung: 20-30% des Kaufpreises
  • Laufzeit meist 3-7 Jahre
  • Verzinsung oft unter Markt­niveau (Win-Win-Situation)

Earn-Out-Vereinbarungen:

  • Ein Teil des Kaufpreises wird an die zukünftige Performance gekoppelt
  • Zahlung nur bei Erreichen definierter Ziele (Umsatz, EBIT, etc.)
  • Kann bis zu 30% des Gesamtkaufpreises ausmachen
  • Reduziert das anfängliche Finanzierungs­volumen erheblich

Vorteil für MBI-Kandidaten: Beide Instrumente reduzieren den initialen Kapitalbedarf und schaffen Vertrauen beim Verkäufer, da dieser am Erfolg partizipiert.

3. Equity Partner und Co-Investoren

Wenn das eigene Kapital nicht ausreicht, können Partner ins Boot geholt werden.

Private Equity Fonds:

  • Suchen aktiv nach MBI-Kandidaten mit Branchen­erfahrung
  • Übernehmen Mehrheit der Finanzierung
  • Erwarten Management­beteiligung (meist 10-25%)
  • Bieten neben Kapital auch Know-how und Netzwerk
  • Planen typischerweise Exit nach 4-7 Jahren

Family Offices:

  • Verwalten Vermögen wohlhabender Familien
  • Längerer Anlage­horizont als PE-Fonds
  • Oft geringere Rendite­erwartungen
  • Beteiligen Manager mit substanziellen Anteilen

Business Angels / Co-Investoren:

  • Privatinvestoren mit unter­nehmerischem Hintergrund
  • Investieren typischerweise 100.000-500.000 Euro
  • Bringen eigenes Netzwerk und Expertise ein
  • Flexiblere Strukturen als institutionelle Investoren

Ein MBI-Kandidat könnte beispielsweise mit 50.000 Euro Eigenkapital und einem Private Equity Partner ein 3 Mio. Euro Unternehmen kaufen und 15% der Anteile erhalten.

4. Vendor Take Back (VTB)

Beim VTB behält der Verkäufer vorübergehend einen Minderheits­anteil am Unternehmen.

Funktionsweise:

  • Verkäufer verkauft zunächst 70-80% der Anteile
  • Vereinbarung über späteren Verkauf der restlichen Anteile
  • Put/Call-Optionen mit festgelegten Preisformeln
  • Verkäufer bleibt übergangsweise im Unternehmen aktiv

Vorteile für MBI-Kandidaten:

  • Geringerer initialer Kapitalbedarf
  • Verteiltes Risiko
  • Wissenstransfer vom Alteigentümer
  • Kontinuität für Kunden und Mitarbeiter

5. Asset-basierte Finanzierung

Bei asset-intensiven Unternehmen können vorhandene Vermögenswerte die Finanzierung erleichtern.

Sale-and-Lease-Back:

  • Verkauf von Unternehmens­immobilien mit anschließender Rück­anmietung
  • Freisetzung von gebundenem Kapital für die Kaufpreis­finanzierung
  • Besonders attraktiv bei niedrigen Buchwerten/hohen Marktwerten

Factoring/Asset-Based Lending:

  • Finanzierung auf Basis von Forderungen oder Lagerbeständen
  • Kann nach Übernahme zusätzliche Liquidität freisetzen
  • Ergänzt klassische Akquisitions­finanzierung

Wie überzeuge ich Finanzierungs­partner?

Der Schlüssel zum erfolgreichen Unternehmens­kauf ohne substanzielles Eigenkapital liegt in der Überzeugungskraft des MBI-Kandidaten.

1. Der perfekte Business-Plan

Ein überzeugender Business-Plan muss folgende Elemente enthalten:

  • Management-Expertise: Nachgewiesene Branchen­erfahrung und Führungs­kompetenzen
  • Detaillierte Markt­analyse: Tiefgreifendes Verständnis von Wettbewerb und Markt­dynamik
  • Zukunfts­strategie: Klarer Plan zur Wertsteigerung
  • Realistische Finanz­prognosen: Conservative Annahmen mit Szenario­analysen
  • Detaillierter Tilgungsplan: Nachweis der Schulden­tragfähigkeit

2. Die richtige Ziel­firma identifizieren

Nicht jedes Unternehmen eignet sich für einen hebelfinanzierten Kauf. Achten Sie auf:

  • Stabile Cash-Flows: Planbarkeit ist entscheidend
  • Geringe Kapital­intensität: Wenig Investitions­bedarf schafft Spielraum für Tilgung
  • Diversifizierte Kunden­struktur: Reduziert Abhängigkeits­risiken
  • Vorhandene Management­strukturen: Funktionsfähigkeit auch bei Eigentümer­wechsel
  • Niedrige bestehende Verschuldung: Schafft Raum für Akquisitions­finanzierung

3. Das richtige Timing

Der Zeitpunkt des Kaufs kann entscheidend sein:

  • Nachfolge­situationen: Erhöhen die Verkaufs­bereitschaft und Flexibilität bei der Finanzierung
  • Restrukturierungs­fälle: Bieten günstigere Einstiegs­preise (erfordern jedoch mehr Expertise)
  • Börsenzyklen: Beeinflussen die Bewertungen und Finanzierungs­konditionen
  • Zinsniveau: Niedrigzins­phasen erleichtern hebelfinanzierte Übernahmen

Welche rechtlichen Strukturen eignen sich?

Die richtige rechtliche Struktur minimiert Risiken und optimiert die Finanzierung.

1. Die ideale Akquisitions­struktur

Typischerweise wird eine mehrstufige Struktur gewählt:

  1. Persönliche Holding des MBI-Kandidaten (als GmbH)
  2. Akquisitions­vehikel (SPV)
  3. Zielunternehmen

Diese Struktur bietet mehrere Vorteile:

  • Haftungs­abschirmung
  • Steuerliche Optimierung (z.B. Nutzung der Zinsschranke)
  • Flexibilität für zukünftige Investoren
  • Möglichkeit zum Debt Push-Down

2. Management­beteiligungs­programme

Für MBI-Kandidaten, die mit PE-Partnern zusammenarbeiten, sind folgende Modelle üblich:

  • Sweet Equity: Verbilligter Erwerb von Anteilen
  • Ratchet-Modelle: Anteilserhöhung bei Erreichen von Performance-Zielen
  • Vesting-Strukturen: Schrittweiser Anteilserwerb über Zeit
  • Phantom Shares / Virtuelle Beteiligungen: Partizipation ohne formelle Gesellschafter­stellung

Praxisbeispiel: Ein erfolgreicher MBI mit minimem Eigenkapital

Zum besseren Verständnis ein reales Beispiel (anonymisiert):

Ausgangssituation:

  • Zielunternehmen: Mittelständischer Industrie­zulieferer
  • Unternehmenswert: 4,5 Mio. Euro (5x EBITDA)
  • MBI-Kandidat: Ehemaliger Geschäftsbereichs­leiter eines Konzerns mit 75.000 Euro Eigenkapital
  • Verkäufer: Inhaber (63 Jahre) ohne Nachfolger

Finanzierungs­struktur:

  • 2,5 Mio. Euro Bankdarlehen (besichert durch Unternehmens­vermögen)
  • 1,0 Mio. Euro Verkäufer­darlehen (5 Jahre Laufzeit)
  • 0,5 Mio. Euro Earn-Out (abhängig von EBITDA-Entwicklung)
  • 0,5 Mio. Euro Eigenkapital, davon:
    • 75.000 Euro vom MBI-Kandidaten (15%)
    • 425.000 Euro von einem Family Office (85%)

Eigentums­struktur:

  • MBI-Kandidat: 25% der Anteile (davon 10% durch Sweet Equity)
  • Family Office: 75% der Anteile

Erfolgs­faktoren:

  • Überzeugende Industrie­expertise des MBI-Kandidaten
  • Gesundes Zielunternehmen mit stabilen Cash-Flows
  • Kooperations­bereiter Verkäufer mit Interesse an geordneter Nachfolge
  • Realistischer Wachstums­plan mit identifizierten Optimierungs­potenzialen

Welche Fallstricke gilt es zu vermeiden?

Der Kauf mit minimalem Eigenkapital birgt besondere Risiken:

  1. Überschuldungs­risiko:

    • Zu ambitionierte Tilgungspläne
    • Unzureichende Liquiditäts­puffer
    • Konjunktur­sensitivität unterschätzt
  2. Bewertungs­risiken:

    • Überhöhte Kaufpreise lassen keinen Spielraum für Fehlschläge
    • Unentdeckte Altlasten können kritisch werden
    • Due Diligence muss besonders gründlich sein
  3. Interessen­konflikte:

    • Unklare Governance-Strukturen mit Co-Investoren
    • Unzureichende Mitbestimmungs­rechte trotz Management­verantwortung
    • Unterschiedliche Exit-Horizonte
  4. Operativer Druck:

    • Hoher Schuldendienst kann Investitionen hemmen
    • Wenig Spielraum für strategische Neuausrichtung
    • Kurzfristige Optimierung zu Lasten langfristiger Entwicklung

Praktische Tipps für MBI-Kandidaten

Abschließend einige praktische Ratschläge für angehende Unternehmens­käufer mit begrenztem Eigenkapital:

  1. Netzwerk aufbauen:

    • Kontakte zu erfahrenen M&A-Beratern pflegen
    • Beziehungen zu spezialisierten Finanzierungs­partnern aufbauen
    • Unternehmens­verkäufer­plattformen aktiv beobachten
  2. Kompetenz­profil schärfen:

    • Nachweis von Führungs­erfahrung und Branchen­kenntnis
    • Referenzen aus früheren Positionen sammeln
    • Spezialisierung auf Restrukturierungs­situationen oder Wachstums­szenarien
  3. Finanzierungs­quellen diversifizieren:

    • Nicht nur auf eine Finanzierungs­quelle setzen
    • Flexible Strukturen mit Erweiterungs­optionen schaffen
    • Auch unkonventionelle Finanzierungs­wege prüfen
  4. Geduld bewahren:

    • Der ideale Deal kommt selten sofort
    • Mehrere Zielunternehmen parallel prüfen
    • Auch bei Rückschlägen beharrlich bleiben

Fazit

Der Unternehmens­kauf mit minimalem Eigenkapital ist eine anspruchsvolle, aber durchaus realistische Option für MBI-Kandidaten. Entscheidend sind:

  • Ein überzeugendes persönliches Profil
  • Die Auswahl des richtigen Zielunternehmens
  • Eine kreative, aber solide Finanzierungs­struktur
  • Realistische Erwartungen und sorgfältige Planung

Wer diese Faktoren berücksichtigt und bereit ist, Partner ins Boot zu holen, kann auch mit begrenztem Eigenkapital den Traum vom eigenen Unternehmen verwirklichen. Der Weg erfordert Ausdauer, Überzeugungskraft und strategisches Geschick – Eigenschaften, die ohnehin unverzichtbar für erfolgreiche Unternehmens­führung sind.

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Über den Autor

Christopher Heckel

Christopher Heckel

Co-Founder & CTO

Christopher hat als CTO des Mittelstandsfinanziers Creditshelf die digitale Transformation von Finanzlösungen für den Mittelstand geleitet. Viaductus wurde mit dem Ziel gegründet, mit Technologie für Unternehmensübernahmen und -verkäufe Menschen zu unterstützen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen.

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