Unternehmen (fast) ohne Eigenkapital kaufen: Strategien für MBI-Kandidaten
Unternehmen (fast) ohne Eigenkapital kaufen: Strategien für MBI-Kandidaten
Der Traum vom eigenen Unternehmen scheitert häufig an der Finanzierungsfrage. Besonders für Management-Buy-In (MBI) Kandidaten, die von außen in ein Unternehmen einsteigen wollen, stellt der Kapitalbedarf eine erhebliche Hürde dar. Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie auch mit wenig oder nahezu ohne Eigenkapital ein Unternehmen erwerben können.
Warum ist ein Unternehmenskauf ohne Eigenkapital überhaupt möglich?
Der Kauf eines Unternehmens ohne substanzielles Eigenkapital mag zunächst unrealistisch erscheinen. Doch unter bestimmten Voraussetzungen ist es durchaus möglich. Der Schlüssel liegt im Wert des Unternehmens selbst:
- Cash-Flow-Stärke: Unternehmen mit stabilen, vorhersehbaren Erträgen können ihre eigene Übernahme finanzieren
- Asset-Basis: Vorhandene Vermögenswerte können als Sicherheit für Finanzierungen dienen
- Zukunftsperspektive: Überzeugendes Wachstumspotenzial macht das Unternehmen für Investoren attraktiv
In der Praxis wird fast nie komplett ohne Eigenkapital finanziert – ein Mindestmaß an eigenen Mitteln (oft 10-15% der Kaufsumme) wird in den meisten Fällen erwartet. Dennoch gibt es Strukturierungsmöglichkeiten, die den Eigenkapitalbedarf erheblich reduzieren.
Welche Finanzierungsstrategien eignen sich für MBI-Kandidaten?
1. Leveraged Buy-Out (LBO)
Der Leveraged Buy-Out ist die klassische Methode für eigenkapitalschwache Unternehmenskäufe. Dabei wird der Großteil des Kaufpreises durch Fremdkapital finanziert, wobei das Zielunternehmen selbst als Sicherheit dient.
Wie funktioniert ein LBO?
- Gründung einer Akquisitionsgesellschaft (Special Purpose Vehicle, SPV)
- Aufnahme von Fremdkapital durch die Akquisitionsgesellschaft
- Kauf des Zielunternehmens
- Fusion von Akquisitionsgesellschaft und Zielunternehmen (Debt Push-Down)
- Rückzahlung der Kredite aus dem operativen Cash-Flow des gekauften Unternehmens
Finanzierungsquellen beim LBO:
- Senior Debt: Bankdarlehen mit erstrangiger Besicherung (50-60% der Kaufsumme)
- Mezzanine-Kapital: Nachrangige Darlehen mit höheren Zinsen (10-20%)
- Verkäuferdarlehen: Stundung eines Teils des Kaufpreises (10-25%)
- Eigenkapital: Mindestbeitrag des Käufers (10-15%)
Voraussetzungen für einen erfolgreichen LBO:
- Stabile, vorhersehbare Cash-Flows
- Moderates Wachstum (zu hohes Wachstum bindet Liquidität)
- Niedrige bestehende Verschuldung
- Realistischer Tilgungsplan (DSCR > 1,3)
Ein Beispiel: Bei einem Unternehmenswert von 2 Mio. Euro könnte die Struktur so aussehen:
- 1,1 Mio. Euro Senior Debt (55%)
- 300.000 Euro Mezzanine (15%)
- 400.000 Euro Verkäuferdarlehen (20%)
- 200.000 Euro Eigenkapital (10%)
2. Verkäuferdarlehen und Earn-Out
Besonders bei inhabergeführten Unternehmen kann der Verkäufer selbst als Finanzier auftreten.
Verkäuferdarlehen:
- Der Verkäufer stundet einen Teil des Kaufpreises als Darlehen
- Übliche Größenordnung: 20-30% des Kaufpreises
- Laufzeit meist 3-7 Jahre
- Verzinsung oft unter Marktniveau (Win-Win-Situation)
Earn-Out-Vereinbarungen:
- Ein Teil des Kaufpreises wird an die zukünftige Performance gekoppelt
- Zahlung nur bei Erreichen definierter Ziele (Umsatz, EBIT, etc.)
- Kann bis zu 30% des Gesamtkaufpreises ausmachen
- Reduziert das anfängliche Finanzierungsvolumen erheblich
Vorteil für MBI-Kandidaten: Beide Instrumente reduzieren den initialen Kapitalbedarf und schaffen Vertrauen beim Verkäufer, da dieser am Erfolg partizipiert.
3. Equity Partner und Co-Investoren
Wenn das eigene Kapital nicht ausreicht, können Partner ins Boot geholt werden.
Private Equity Fonds:
- Suchen aktiv nach MBI-Kandidaten mit Branchenerfahrung
- Übernehmen Mehrheit der Finanzierung
- Erwarten Managementbeteiligung (meist 10-25%)
- Bieten neben Kapital auch Know-how und Netzwerk
- Planen typischerweise Exit nach 4-7 Jahren
Family Offices:
- Verwalten Vermögen wohlhabender Familien
- Längerer Anlagehorizont als PE-Fonds
- Oft geringere Renditeerwartungen
- Beteiligen Manager mit substanziellen Anteilen
Business Angels / Co-Investoren:
- Privatinvestoren mit unternehmerischem Hintergrund
- Investieren typischerweise 100.000-500.000 Euro
- Bringen eigenes Netzwerk und Expertise ein
- Flexiblere Strukturen als institutionelle Investoren
Ein MBI-Kandidat könnte beispielsweise mit 50.000 Euro Eigenkapital und einem Private Equity Partner ein 3 Mio. Euro Unternehmen kaufen und 15% der Anteile erhalten.
4. Vendor Take Back (VTB)
Beim VTB behält der Verkäufer vorübergehend einen Minderheitsanteil am Unternehmen.
Funktionsweise:
- Verkäufer verkauft zunächst 70-80% der Anteile
- Vereinbarung über späteren Verkauf der restlichen Anteile
- Put/Call-Optionen mit festgelegten Preisformeln
- Verkäufer bleibt übergangsweise im Unternehmen aktiv
Vorteile für MBI-Kandidaten:
- Geringerer initialer Kapitalbedarf
- Verteiltes Risiko
- Wissenstransfer vom Alteigentümer
- Kontinuität für Kunden und Mitarbeiter
5. Asset-basierte Finanzierung
Bei asset-intensiven Unternehmen können vorhandene Vermögenswerte die Finanzierung erleichtern.
Sale-and-Lease-Back:
- Verkauf von Unternehmensimmobilien mit anschließender Rückanmietung
- Freisetzung von gebundenem Kapital für die Kaufpreisfinanzierung
- Besonders attraktiv bei niedrigen Buchwerten/hohen Marktwerten
Factoring/Asset-Based Lending:
- Finanzierung auf Basis von Forderungen oder Lagerbeständen
- Kann nach Übernahme zusätzliche Liquidität freisetzen
- Ergänzt klassische Akquisitionsfinanzierung
Wie überzeuge ich Finanzierungspartner?
Der Schlüssel zum erfolgreichen Unternehmenskauf ohne substanzielles Eigenkapital liegt in der Überzeugungskraft des MBI-Kandidaten.
1. Der perfekte Business-Plan
Ein überzeugender Business-Plan muss folgende Elemente enthalten:
- Management-Expertise: Nachgewiesene Branchenerfahrung und Führungskompetenzen
- Detaillierte Marktanalyse: Tiefgreifendes Verständnis von Wettbewerb und Marktdynamik
- Zukunftsstrategie: Klarer Plan zur Wertsteigerung
- Realistische Finanzprognosen: Conservative Annahmen mit Szenarioanalysen
- Detaillierter Tilgungsplan: Nachweis der Schuldentragfähigkeit
2. Die richtige Zielfirma identifizieren
Nicht jedes Unternehmen eignet sich für einen hebelfinanzierten Kauf. Achten Sie auf:
- Stabile Cash-Flows: Planbarkeit ist entscheidend
- Geringe Kapitalintensität: Wenig Investitionsbedarf schafft Spielraum für Tilgung
- Diversifizierte Kundenstruktur: Reduziert Abhängigkeitsrisiken
- Vorhandene Managementstrukturen: Funktionsfähigkeit auch bei Eigentümerwechsel
- Niedrige bestehende Verschuldung: Schafft Raum für Akquisitionsfinanzierung
3. Das richtige Timing
Der Zeitpunkt des Kaufs kann entscheidend sein:
- Nachfolgesituationen: Erhöhen die Verkaufsbereitschaft und Flexibilität bei der Finanzierung
- Restrukturierungsfälle: Bieten günstigere Einstiegspreise (erfordern jedoch mehr Expertise)
- Börsenzyklen: Beeinflussen die Bewertungen und Finanzierungskonditionen
- Zinsniveau: Niedrigzinsphasen erleichtern hebelfinanzierte Übernahmen
Welche rechtlichen Strukturen eignen sich?
Die richtige rechtliche Struktur minimiert Risiken und optimiert die Finanzierung.
1. Die ideale Akquisitionsstruktur
Typischerweise wird eine mehrstufige Struktur gewählt:
- Persönliche Holding des MBI-Kandidaten (als GmbH)
- Akquisitionsvehikel (SPV)
- Zielunternehmen
Diese Struktur bietet mehrere Vorteile:
- Haftungsabschirmung
- Steuerliche Optimierung (z.B. Nutzung der Zinsschranke)
- Flexibilität für zukünftige Investoren
- Möglichkeit zum Debt Push-Down
2. Managementbeteiligungsprogramme
Für MBI-Kandidaten, die mit PE-Partnern zusammenarbeiten, sind folgende Modelle üblich:
- Sweet Equity: Verbilligter Erwerb von Anteilen
- Ratchet-Modelle: Anteilserhöhung bei Erreichen von Performance-Zielen
- Vesting-Strukturen: Schrittweiser Anteilserwerb über Zeit
- Phantom Shares / Virtuelle Beteiligungen: Partizipation ohne formelle Gesellschafterstellung
Praxisbeispiel: Ein erfolgreicher MBI mit minimem Eigenkapital
Zum besseren Verständnis ein reales Beispiel (anonymisiert):
Ausgangssituation:
- Zielunternehmen: Mittelständischer Industriezulieferer
- Unternehmenswert: 4,5 Mio. Euro (5x EBITDA)
- MBI-Kandidat: Ehemaliger Geschäftsbereichsleiter eines Konzerns mit 75.000 Euro Eigenkapital
- Verkäufer: Inhaber (63 Jahre) ohne Nachfolger
Finanzierungsstruktur:
- 2,5 Mio. Euro Bankdarlehen (besichert durch Unternehmensvermögen)
- 1,0 Mio. Euro Verkäuferdarlehen (5 Jahre Laufzeit)
- 0,5 Mio. Euro Earn-Out (abhängig von EBITDA-Entwicklung)
- 0,5 Mio. Euro Eigenkapital, davon:
- 75.000 Euro vom MBI-Kandidaten (15%)
- 425.000 Euro von einem Family Office (85%)
Eigentumsstruktur:
- MBI-Kandidat: 25% der Anteile (davon 10% durch Sweet Equity)
- Family Office: 75% der Anteile
Erfolgsfaktoren:
- Überzeugende Industrieexpertise des MBI-Kandidaten
- Gesundes Zielunternehmen mit stabilen Cash-Flows
- Kooperationsbereiter Verkäufer mit Interesse an geordneter Nachfolge
- Realistischer Wachstumsplan mit identifizierten Optimierungspotenzialen
Welche Fallstricke gilt es zu vermeiden?
Der Kauf mit minimalem Eigenkapital birgt besondere Risiken:
-
Überschuldungsrisiko:
- Zu ambitionierte Tilgungspläne
- Unzureichende Liquiditätspuffer
- Konjunktursensitivität unterschätzt
-
Bewertungsrisiken:
- Überhöhte Kaufpreise lassen keinen Spielraum für Fehlschläge
- Unentdeckte Altlasten können kritisch werden
- Due Diligence muss besonders gründlich sein
-
Interessenkonflikte:
- Unklare Governance-Strukturen mit Co-Investoren
- Unzureichende Mitbestimmungsrechte trotz Managementverantwortung
- Unterschiedliche Exit-Horizonte
-
Operativer Druck:
- Hoher Schuldendienst kann Investitionen hemmen
- Wenig Spielraum für strategische Neuausrichtung
- Kurzfristige Optimierung zu Lasten langfristiger Entwicklung
Praktische Tipps für MBI-Kandidaten
Abschließend einige praktische Ratschläge für angehende Unternehmenskäufer mit begrenztem Eigenkapital:
-
Netzwerk aufbauen:
- Kontakte zu erfahrenen M&A-Beratern pflegen
- Beziehungen zu spezialisierten Finanzierungspartnern aufbauen
- Unternehmensverkäuferplattformen aktiv beobachten
-
Kompetenzprofil schärfen:
- Nachweis von Führungserfahrung und Branchenkenntnis
- Referenzen aus früheren Positionen sammeln
- Spezialisierung auf Restrukturierungssituationen oder Wachstumsszenarien
-
Finanzierungsquellen diversifizieren:
- Nicht nur auf eine Finanzierungsquelle setzen
- Flexible Strukturen mit Erweiterungsoptionen schaffen
- Auch unkonventionelle Finanzierungswege prüfen
-
Geduld bewahren:
- Der ideale Deal kommt selten sofort
- Mehrere Zielunternehmen parallel prüfen
- Auch bei Rückschlägen beharrlich bleiben
Fazit
Der Unternehmenskauf mit minimalem Eigenkapital ist eine anspruchsvolle, aber durchaus realistische Option für MBI-Kandidaten. Entscheidend sind:
- Ein überzeugendes persönliches Profil
- Die Auswahl des richtigen Zielunternehmens
- Eine kreative, aber solide Finanzierungsstruktur
- Realistische Erwartungen und sorgfältige Planung
Wer diese Faktoren berücksichtigt und bereit ist, Partner ins Boot zu holen, kann auch mit begrenztem Eigenkapital den Traum vom eigenen Unternehmen verwirklichen. Der Weg erfordert Ausdauer, Überzeugungskraft und strategisches Geschick – Eigenschaften, die ohnehin unverzichtbar für erfolgreiche Unternehmensführung sind.
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Christopher Heckel
Co-Founder & CTO
Christopher hat als CTO des Mittelstandsfinanziers Creditshelf die digitale Transformation von Finanzlösungen für den Mittelstand geleitet. Viaductus wurde mit dem Ziel gegründet, mit Technologie für Unternehmensübernahmen und -verkäufe Menschen zu unterstützen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen.
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