Marktausblick zum Kauf eines Unternehmens in der Automobilbranche
Die Automobilbranche durchläuft derzeit eine der tiefgreifendsten Transformationen ihrer Geschichte. Diese Phase des Wandels eröffnet für Käufer von KFZ-Dienstleistungsbetrieben sowohl Herausforderungen als auch einzigartige Chancen. Die Veränderungen werden von vier zentralen Entwicklungen angetrieben, die unter dem Akronym CASE zusammengefasst werden: Connected (Vernetzung), Autonomous (autonomes Fahren), Shared Mobility (geteilte Mobilität) und Electric (Elektrifizierung).
Der Übergang zur Elektromobilität verändert die traditionellen Geschäftsmodelle fundamental. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes erreichte der Anteil von E-Fahrzeugen und Plug-in-Hybriden an den Neuzulassungen in Deutschland 2023 bereits 25,3%. Dieser Trend wird sich mit der zunehmenden Reichweite der Fahrzeuge, dem Ausbau der Ladeinfrastruktur und strengeren Emissionsvorschriften weiter beschleunigen. Für Werkstätten bedeutet dies einen deutlichen Umbruch: Elektromotoren haben deutlich weniger Verschleißteile als Verbrennungsmotoren, was das klassische Wartungsgeschäft mittelfristig reduzieren wird.
Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsfelder: Die Installation und Wartung von Ladeinfrastruktur, spezialisierte Diagnose- und Reparaturdienstleistungen für Hochvoltkomponenten sowie Software-Updates und Connectivity-Services gewinnen an Bedeutung. Erfolgreiche Unternehmen im KFZ-Sektor positionieren sich bereits heute mit entsprechenden Investitionen in Ausrüstung und Mitarbeiterschulungen.
Die Digitalisierung verändert zudem das Kundenverhalten grundlegend. Online-Verkäufe von Neu- und Gebrauchtwagen nehmen zu, und digitale Service-Plattformen gewinnen an Bedeutung. Werkstattbetriebe und Autohäuser mit einer fortschrittlichen digitalen Infrastruktur für Terminvereinbarung, Fahrzeugdiagnose und Kundenkommunikation haben deutliche Wettbewerbsvorteile.
In diesem dynamischen Umfeld findet gleichzeitig eine Konsolidierung statt. Insbesondere im Bereich der Markenwerkstätten und Autohäuser ist ein Trend zu größeren Einheiten erkennbar. Hersteller bevorzugen zunehmend Partner mit entsprechender Kapitalausstattung und Professionalität. Dies führt zu einer steigenden Zahl von Unternehmensverkäufen, was Kaufgelegenheiten für strategische Investoren und Branchenkenner schafft.
Besonders interessant sind derzeit Übernahmen von Betrieben, die bereits erste Schritte in Richtung Zukunftstechnologien unternommen haben, aber noch Wachstumspotenzial aufweisen. Auch Spezialisten für bestimmte Fahrzeugtypen oder Dienstleistungen wie Karosserie- und Lackierarbeiten, Smart-Repair oder Fahrzeugaufbereitung bleiben attraktive Ziele, da diese Tätigkeiten auch bei E-Fahrzeugen relevant bleiben.
Besonderheiten beim Kauf verschiedener KFZ-Dienstleistungsbetriebe
Je nach Geschäftsmodell weisen Unternehmen im KFZ-Sektor unterschiedliche Charakteristika auf, die bei einer Übernahme berücksichtigt werden sollten:
Autohaus/Fahrzeughandel
Beim Autohaus kaufen stehen besonders die Herstellerverträge im Fokus. Diese sind oft nicht automatisch übertragbar, sondern bedürfen der Zustimmung des jeweiligen Herstellers oder Importeurs. Potenzielle Käufer sollten frühzeitig Kontakt zu den relevanten Herstellern aufnehmen, um deren Anforderungen zu klären. Zentrale Bewertungsfaktoren sind neben den Umsatz- und Ertragskennzahlen auch die Qualität des Standorts, die Kundendatenbank und die Fahrzeugbestände.
Die Bewertung erfolgt häufig auf Basis eines modifizierten Substanzwerts zuzüglich eines Goodwill-Faktors. Dabei werden branchenübliche Multiplikatoren auf das EBITDA angewendet, die je nach Marke und Standortqualität zwischen dem 3- bis 6-fachen liegen können. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Bewertung der Fahrzeugbestände und möglichen Abwertungsrisiken gelten.
KFZ-Werkstatt
Die KFZ-Werkstatt kaufen bedeutet, ein Unternehmen zu übernehmen, dessen Wert maßgeblich von der technischen Ausstattung, dem Know-how der Mitarbeiter und dem Kundenstamm abhängt. Bei freien Werkstätten ist die Stammkundschaft besonders wichtig, während bei Vertragswerkstätten die Herstellerbeziehung im Vordergrund steht.
Die technische Ausstattung sollte auf Aktualität und Investitionsbedarf geprüft werden, besonders im Hinblick auf die Fähigkeit, moderne Fahrzeuge mit komplexer Elektronik und alternative Antriebe zu warten. Die Mitarbeiterstruktur ist ein weiterer kritischer Faktor: Qualifizierte Kfz-Mechatroniker sind auf dem Arbeitsmarkt gesucht, weshalb eine stabile Belegschaft einen erheblichen Wert darstellt.
Bei der Bewertung kommen häufig Multiplikatorverfahren zum Einsatz, wobei kleinere freie Werkstätten typischerweise mit dem 3- bis 5-fachen des bereinigten EBITDA bewertet werden. Markengebundene Betriebe können abhängig von der Marke höhere Multiplikatoren erzielen.
Spezialanbieter
Spezialanbieter wie Autolackiererei, Karosseriebetriebe, Reifenhandel oder Autowaschanlage haben jeweils eigene Wertschöpfungsfaktoren. Bei Lackierereien sind moderne Lackierkabinen und Umweltschutzauflagen besonders wichtig. Bei Waschstraßen stehen Standortqualität, Durchsatz und Zustand der technischen Anlagen im Vordergrund.
Für diese Spezialanbieter existieren oft branchenspezifische Bewertungskennzahlen, wie beispielsweise Umsatz pro Waschdurchgang oder Umsatz pro Lackierbox, die zur Bewertung herangezogen werden können.
Due-Diligence-Schwerpunkte bei KFZ-Dienstleistungen
Die Due Diligence bei der Übernahme eines Unternehmens im KFZ-Sektor sollte folgende spezifische Bereiche besonders berücksichtigen:
Technische Due Diligence
Eine gründliche Prüfung der technischen Ausstattung ist essenziell. Dazu gehören:
- Zustand und Alter von Hebebühnen, Diagnoseequipment und Spezialwerkzeugen
- Investitionsbedarf für neue Technologien (insbesondere für E-Mobilität)
- Einhaltung aktueller Sicherheits- und Umweltstandards
- IT-Infrastruktur und Werkstattmanagementsysteme
Rechtliche Due Diligence
Im rechtlichen Bereich sind folgende Aspekte besonders relevant:
- Herstellerverträge und deren Übertragbarkeit
- Grundstücks- und Immobiliensituation (oft sind Standorte langfristig vom Hersteller gepachtet)
- Arbeitnehmerüberlassung und tarifvertragliche Bindungen
- Umweltrechtliche Verpflichtungen und potenzielle Altlasten
- Gewährleistungsrückstellungen und laufende Garantiefälle
Finanzielle Due Diligence
Bei der finanziellen Prüfung sollten berücksichtigt werden:
- Bereinigung des EBITDA um Sondereffekte und Eigentümerlöhne
- Analyse der verschiedenen Ertragsquellen (Neuwagenverkauf, Gebrauchtwagenhandel, Werkstatt, Teilegeschäft)
- Bewertung der Fahrzeugbestände und Ersatzteillager (Wertberichtigungsbedarf)
- Auswertung von Kennzahlen wie durchschnittlicher Deckungsbeitrag pro Arbeitsstunde oder pro Fahrzeugverkauf
- Prüfung von Bonusvereinbarungen mit Herstellern und deren Nachhaltigkeit
Markt- und Commercial Due Diligence
Eine gründliche Analyse des Marktumfelds umfasst:
- Wettbewerbssituation im lokalen Einzugsgebiet
- Kundenprofil und -loyalität
- Abhängigkeiten von Großkunden oder Flottenkunden
- Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells angesichts der Mobilitätswende
Finanzierungsmöglichkeiten für den Kauf in der Automobilbranche
Die Finanzierung eines Unternehmenskaufs im KFZ-Sektor erfordert eine sorgfältige Planung. Neben klassischen Bankdarlehen stehen folgende Finanzierungsoptionen zur Verfügung:
Herstellerunterstützte Finanzierung
Viele Fahrzeughersteller haben ein Interesse an stabilen Vertriebsnetzen und bieten daher Unterstützung bei der Finanzierung von Übernahmen an. Dies kann durch günstige Darlehen, Bürgschaften oder erweiterte Zahlungsziele für Fahrzeuge und Ersatzteile erfolgen. Die Herstellerbanken verfügen über spezialisiertes Branchenwissen und können maßgeschneiderte Finanzierungslösungen anbieten.
Fördermittel und öffentliche Finanzierung
Für die Übernahme von KFZ-Betrieben kommen verschiedene öffentliche Förderprogramme in Frage:
- KfW-Unternehmerkredit für Unternehmensnachfolgen
- ERP-Gründerkredit
- Regionale Wirtschaftsförderung, besonders in strukturschwachen Gebieten
- Spezielle Programme für Investitionen in klimafreundliche Technologien
Mezzanine Finanzierung und Private Equity
Bei größeren Transaktionen oder Zusammenschlüssen mehrerer Betriebe kann eine Mezzanine-Finanzierung oder die Beteiligung von Private-Equity-Investoren sinnvoll sein. Diese Kapitalquellen erlauben oft eine höhere Flexibilität bei der Gestaltung und ermöglichen die Finanzierung größerer Wachstumsvorhaben.
Verkäuferfinanzierung
Besonders bei kleineren und mittelgroßen Betrieben ist eine teilweise Verkäuferfinanzierung üblich. Diese kann in Form eines direkten Verkäuferdarlehens oder als Earn-Out-Regelung gestaltet werden. Dies reduziert nicht nur den unmittelbaren Kapitalbedarf, sondern sichert auch die Unterstützung des Alteigentümers während der Übergangsphase.
Herausforderungen und Chancen in der KFZ-Branche
Die Übernahme eines Unternehmens im KFZ-Sektor bringt spezifische Herausforderungen mit sich, eröffnet aber auch besondere Chancen:
Herausforderungen
- Technologischer Wandel: Die Umstellung auf Elektromobilität erfordert erhebliche Investitionen in Ausrüstung und Schulungen.
- Fachkräftemangel: Qualifizierte Mechatroniker und Techniker sind schwer zu finden und zu halten.
- Verändertes Konsumverhalten: Digitale Verkaufsplattformen und veränderte Mobilitätskonzepte beeinflussen das klassische Geschäftsmodell.
- Hersteller-Konsolidierung: Autohersteller reduzieren tendenziell die Anzahl ihrer Vertriebspartner und erhöhen die Anforderungen.
- Margendruck: Besonders im Neuwagengeschäft sinken die Margen kontinuierlich.
Chancen
- Neue Geschäftsfelder: E-Mobilität, vernetzte Fahrzeuge und neue Mobilitätsdienstleistungen eröffnen zusätzliche Ertragsquellen.
- Konsolidierungspotenzial: Der Aufbau größerer Einheiten durch Zukäufe ermöglicht Skaleneffekte und verbesserte Verhandlungspositionen.
- Digitalisierung: Innovative digitale Services können die Kundenbindung stärken und die Effizienz steigern.
- Spezialisierung: Nischenanbieter mit besonderer Expertise können sich erfolgreich vom Wettbewerb differenzieren.
- Aftersales-Potenzial: Trotz rückläufiger mechanischer Reparaturen bleibt das Aftersales-Geschäft mit Karosserie, Elektronik und Software lukrativ.
Erfolgsfaktoren für die Integration nach dem Kauf
Der langfristige Erfolg einer Übernahme im KFZ-Sektor hängt maßgeblich von der Integration nach dem Kauf ab:
Mitarbeiterintegration
Die Einbindung der Mitarbeiter ist besonders kritisch, da das technische Know-how und die Kundenbeziehungen oft personengebunden sind. Eine transparente Kommunikation und die frühzeitige Identifikation von Schlüsselmitarbeitern sind entscheidend für einen reibungslosen Übergang. Zusätzliche Anreize wie Beteiligungsmodelle können helfen, wichtige Fachkräfte zu halten.
Kundenkommunikation
Die bestehenden Kunden sollten frühzeitig und persönlich über den Eigentümerwechsel informiert werden. Besonders bei inhabergeführten Betrieben spielt die persönliche Vorstellung des neuen Eigentümers eine wichtige Rolle. Spezielle Aktionen oder Veranstaltungen können helfen, das Vertrauen der Stammkunden zu gewinnen.
Herstellerbeziehungen
Bei markengebundenen Betrieben ist die Pflege der Herstellerbeziehungen von strategischer Bedeutung. Der neue Eigentümer sollte sich persönlich bei den Herstellervertretern vorstellen und seine Zukunftspläne kommunizieren. Die Einhaltung der Herstellerstandards und die aktive Teilnahme an Händlerveranstaltungen fördern eine positive Beziehung.
Digitale Transformation
Die Übernahme bietet eine gute Gelegenheit, digitale Transformationsprozesse einzuleiten oder zu beschleunigen. Moderne Werkstattmanagementsysteme, Online-Terminvereinbarungen, digitale Fahrzeugdiagnose und CRM-Systeme können die Effizienz steigern und neue Kundengruppen erschließen.
Nachhaltige Ausrichtung
Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeit sollte auch eine nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens in Betracht gezogen werden. Dies umfasst neben der Vorbereitung auf E-Mobilität auch energieeffiziente Betriebsstätten, nachhaltige Entsorgungs- und Recyclingkonzepte sowie umweltfreundliche Serviceangebote.
Nennenswerte Transaktionen
Die Konsolidierung in der Branche spiegelt sich in zahlreichen Transaktionen wider:
- 18.04.2024 – Die Hübner-KTB Oberflächentechnik GmbH, ein Lieferant für galvanisierte Kunststoffteile kauft die Teclarc Werner GmbH, ein Hersteller für lackierte Kunststoffteile für die Automobilindustrie.
- 23.01.2024 – Die Schaeffler AG, ein Zulieferer der Automobil- und Maschinenbauindustrie kauft weitere Anteile der Vitesco Technologies Group AG, einem Entwickler von nachhaltigen Antriebstechnologien für alle Fahrzeugtypen.
- 03.01.2024 – Die Mutares SE & Co. KgaA, ein Private-Equity-Unternehmen mit dem Fokus mittelständische Unternehmen zu erwerben, kauft die Prinz Kinematics GmbH, ein Produzent von Scharnieren für die Automobilwelt.
- 18.08.2023 – Die Callista Private Equity GmbH, ein Private-Equity-Unternehmen mit dem Fokus in industrielle Unternehmen mit operativem Entwicklungspotential zu investieren, kauft die MT-Technologies GmbH, ein Unternehmen im Automotive, welches in den Bereichen Modellbau, Engineering und Leichtbau tätig ist.
- 15.06.2023 – Die EUROPART Holding GmbH, ein Handelsunternehmen für Nutzfahrzeugersatzteile und Werkstattbedarf, kauft die Lorch Gruppe, einen Großhändler für Nutzfahrzeugersatzteile.
- 22.03.2023 – Die Dürr AG, ein Maschinen- und Anlagenbauer für die Automobilindustrie, kauft die BBS Automation GmbH, ein Hersteller von Automatisierungslösungen für verschiedene Industrien, darunter auch die Automobilbranche.