Warum ein Unternehmen aus der Gastronomie- und Lebensmittelbranche kaufen?
Der Erwerb eines bestehenden Unternehmens aus der Gastronomie- oder Lebensmittelbranche bietet zahlreiche Vorteile gegenüber einer Neugründung. Als Käufer profitieren Sie unmittelbar von einem eingeführten Geschäftsmodell, einem bestehenden Kundenstamm und etablierten Lieferantenbeziehungen. Gerade in dieser wettbewerbsintensiven Branche ist der Zeitvorteil nicht zu unterschätzen, den Sie durch die Übernahme eines funktionierenden Betriebs erhalten.
Die Entscheidung zwischen dem Kauf eines Gastronomiebetriebs wie einer Pizzeria, einem Restaurant oder einem Imbiss hängt von Ihren persönlichen Vorlieben und Ihrer Erfahrung ab. Während ein Restaurant oft höhere Investitionen erfordert, kann ein gut positionierter Imbiss mit geringerem Kapitaleinsatz übernommen werden. Im Lebensmittelbereich reicht das Spektrum vom klassischen Lebensmittelgeschäft über Bäckereien bis hin zu spezialisierten Produktionsbetrieben für Futtermittel.
Die aktuelle Marktlage ist durch verschiedene Entwicklungen geprägt. Nach den Herausforderungen der vergangenen Jahre befinden sich viele Betriebsinhaber in der Altersgruppe 55+ in der Nachfolgeplanung. Dies schafft interessante Übernahmemöglichkeiten für Unternehmer, die bereit sind, bestehende Konzepte weiterzuführen und an neue Marktbedingungen anzupassen. Besonders gefragt sind derzeit Betriebe, die bereits auf Nachhaltigkeit, regionale Produkte oder innovative Geschäftsmodelle wie Hybrid-Konzepte aus Gastronomie und Einzelhandel setzen.
Marktausblick und aktuelle Trends in der Branche
Der Lebensmittel- und Getränkesektor zeichnet sich durch eine große Vielfalt an Marktteilnehmern aus. Von globalen Konzernen mit umfangreichen Marken- und Produktpaletten bis hin zu spezialisierten Nischenanbietern bietet die Branche unterschiedlichste Einstiegsmöglichkeiten für Investoren und Unternehmer.
Aktuell lassen sich mehrere bedeutende Trends beobachten, die die Branchenentwicklung maßgeblich beeinflussen. Der wachsende Fokus auf gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit und Regionalität verändert Konsumgewohnheiten und eröffnet neue Marktsegmente. Gleichzeitig führt die Digitalisierung zu innovativen Geschäftsmodellen wie Lieferdiensten, Online-Bestellplattformen und automatisierten Produktionsprozessen.
Die Konsolidierung in verschiedenen Teilbereichen der Branche nimmt zu. Größere Unternehmen streben durch strategische Übernahmen danach, Größen- und Mengenvorteile zu realisieren, ihr Produktportfolio zu optimieren und wichtiges Know-how zu sichern. Diese Entwicklung spiegelt sich in zahlreichen Transaktionen wider, wie beispielsweise die kürzliche Übernahme der Karmeliter Bräu durch die OETTINGER Brauerei oder der Erwerb der Hochstrasser AG durch die schweizerische Molkerei Emmi AG.
Für Käufer bieten sich besonders in Nischenmärkten und bei spezialisierten Konzepten interessante Chancen. Betriebe, die sich auf bestimmte Ernährungsformen, ethnische Küchen oder besondere Produktionsverfahren spezialisiert haben, können oft höhere Margen erzielen und sind weniger anfällig für den allgemeinen Preisdruck.
Die zunehmende Bedeutung von ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) wirkt sich ebenfalls auf die Bewertung von Unternehmen aus. Betriebe, die bereits nachhaltige Praktiken implementiert haben, können bei der Unternehmensbewertung einen Vorteil erzielen, wie in unserem Artikel zu ESG-Kriterien als Werttreiber beim Unternehmensverkauf detailliert beschrieben wird.
Besonderheiten beim Kauf verschiedener Betriebsarten
Je nach Betriebsart gibt es spezifische Faktoren, die bei einer Übernahme besondere Beachtung verdienen:
Gastronomie und Restaurantbetriebe
Beim Kauf eines Gastronomiebetriebs spielt der Standort eine entscheidende Rolle. Die Lage bestimmt maßgeblich das Kundenpotenzial und die erzielbaren Preise. Eine sorgfältige Analyse der Passantenfrequenz, der lokalen Wettbewerbssituation und demografischer Faktoren ist daher unerlässlich.
Die Reputation und Bekanntheit des Betriebs stellen wichtige immaterielle Werte dar. Prüfen Sie die Bewertungen in Online-Portalen, die Medienpräsenz und sprechen Sie mit Stammgästen, um einen Eindruck vom Image des Lokals zu gewinnen.
Besondere Aufmerksamkeit sollten Sie den bestehenden Mietverträgen widmen. Überprüfen Sie Laufzeiten, Kündigungsfristen und eventuelle Sonderkündigungsrechte des Vermieters. Ein langfristiger Mietvertrag zu günstigen Konditionen kann ein wesentlicher Werttreiber sein, während ungünstige Klauseln erhebliche Risiken bergen.
Die Personalstruktur ist in der personalintensiven Gastronomie ein weiterer Schlüsselfaktor. Erfahrene und eingespielte Teams sind wertvoll, können aber auch hohe Personalkosten verursachen. Prüfen Sie die Qualifikation der Mitarbeiter, bestehende Arbeitsverträge und die allgemeine Fluktuation im Betrieb.
Lebensmittelproduktion und -handel
Bei Produktionsbetrieben stehen technische Anlagen und deren Zustand im Fokus. Achten Sie auf den Modernisierungsgrad, anstehende Investitionen und die Einhaltung aktueller Hygienestandards und Umweltauflagen.
Die Abhängigkeit von Großkunden oder Lieferanten kann ein erhebliches Risiko darstellen. Analysieren Sie die Kundenstruktur und prüfen Sie bestehende Lieferverträge auf Laufzeiten und Konditionen.
Qualitätsmanagement und Zertifizierungen spielen in der Lebensmittelbranche eine zentrale Rolle. Vorhandene Zertifizierungen wie IFS, BRC oder Bio-Siegel sind wertvolle Assets, deren Erhalt jedoch kontinuierliche Investitionen erfordert.
Rezepturen und Produktionsverfahren können wesentliche Wettbewerbsvorteile darstellen. Klären Sie in der Vertragsgestaltung, ob und wie diese übertragen werden und wie der Wissenstransfer sichergestellt wird.
Futtermittelunternehmen
In der Futtermittelbranche sollten Sie besonders auf rechtliche Rahmenbedingungen und Zulassungen achten. Die Produktion unterliegt strengen Regularien, deren Einhaltung kontinuierlich überwacht wird.
Forschung und Entwicklung spielen eine zunehmende Rolle, da Innovationen wie nachhaltigere Proteinquellen oder funktionale Zusätze Wettbewerbsvorteile schaffen können. Prüfen Sie bestehende F&E-Aktivitäten und -Kapazitäten.
Die Rohstoffversorgung und deren Preisvolatilität stellen ein spezifisches Risiko dar. Analysieren Sie die Beschaffungsstrategie des Unternehmens und die Absicherung gegen Preisschwankungen wichtiger Inputs.
Due-Diligence-Schwerpunkte in der Lebensmittel- und Gastronomiebranche
Die Due Diligence bei der Übernahme eines Unternehmens aus der Lebensmittel- oder Gastronomiebranche sollte folgende spezifische Bereiche besonders berücksichtigen:
Rechtliche Due Diligence
Im rechtlichen Bereich sind folgende Aspekte besonders relevant:
- Genehmigungen und Konzessionen, insbesondere Gaststätten- und Alkoholausschank-Erlaubnisse
- Lebensmittelrechtliche Zulassungen und Prüfberichte der letzten Kontrollen
- Marken- und Patentrechte für Rezepturen oder Produktionsverfahren
- Miet- und Pachtverträge für Betriebsräume und Anlagen
- Bestehende Lieferanten- und Kundenverträge
- Arbeitsverträge und tarifliche Verpflichtungen
Finanzielle Due Diligence
Bei der finanziellen Prüfung sollten berücksichtigt werden:
- Bereinigung des EBITDA um außerordentliche Effekte und Eigentümerlöhne
- Analyse der Umsatzverteilung nach Produktgruppen oder Tageszeiten
- Bewertung von Warenbeständen und deren Haltbarkeit
- Überprüfung des Kassensystems auf Ordnungsmäßigkeit und Steuerkonformität
- Auswertung von Kennzahlen wie Wareneinsatz, Personalkosten und Roherträge
- Analyse saisonaler Schwankungen und deren Auswirkungen auf die Liquidität
Technische und betriebliche Due Diligence
Eine gründliche Prüfung der betrieblichen Aspekte umfasst:
- Zustand und Alter von Kücheneinrichtungen, Produktionsanlagen und Kühlsystemen
- Einhaltung aktueller Hygiene- und Sicherheitsstandards
- Qualitätsmanagement-Systeme und deren Dokumentation
- IT-Infrastruktur für Warenwirtschaft, Kassensysteme und Kundendatenmanagement
- Energie- und Ressourceneffizienz der Betriebsstätten und Anlagen
Markt- und Commercial Due Diligence
Eine gründliche Analyse des Marktumfelds umfasst:
- Wettbewerbssituation im lokalen oder regionalen Umfeld
- Kundenprofil und -loyalität, etwa durch Analyse von Stammkundenanteilen
- Abhängigkeiten von Großkunden oder saisonalen Faktoren
- Bewertung der Marktpositionierung und des Markenimages
- Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells angesichts veränderter Konsumtrends
Finanzierungsmöglichkeiten für den Unternehmenskauf
Die Finanzierung eines Unternehmenskaufs in der Lebensmittel- oder Gastronomiebranche erfordert eine sorgfältige Planung. Neben klassischen Bankdarlehen stehen folgende Finanzierungsoptionen zur Verfügung:
Eigenkapitalfinanzierung
Die Einbringung von Eigenkapital durch den Käufer ist in der Regel unverzichtbar und bildet die Basis jeder Finanzierung. Je nach Unternehmensgröße und Kaufpreis können auch externe Eigenkapitalgeber wie Family & Friends oder Business Angels eingebunden werden. Bei größeren Transaktionen kommen auch Private Equity Investoren in Betracht, die sich allerdings meist auf Unternehmen ab einem gewissen Umsatzvolumen konzentrieren.
Fremdfinanzierung
Im Bereich der Fremdfinanzierung spielen vor allem Bankkredite eine wichtige Rolle. Für die Übernahme von Gastronomiebetrieben und Lebensmittelunternehmen bieten sich besonders folgende Programme an:
- KfW-Unternehmerkredit für Unternehmensnachfolgen
- ERP-Fördermittel für die Existenzgründung durch Übernahme
- Regionale Wirtschaftsförderung, besonders in strukturschwachen Gebieten
- Branchenspezifische Förderprogramme, etwa für nachhaltige Lebensmittelproduktion
Mezzanine Finanzierung und alternative Instrumente
Als Brücke zwischen Eigen- und Fremdkapital kann eine Mezzanine-Finanzierung dienen. Instrumente wie Nachrangdarlehen oder Genussrechte bieten flexiblere Rückzahlungsmodalitäten als klassische Bankdarlehen.
Verkäuferfinanzierung
Besonders bei kleineren und mittelgroßen Betrieben in der Gastronomie ist eine Verkäuferfinanzierung üblich. Der Verkäufer stellt einen Teil der Kaufsumme als Darlehen zur Verfügung oder akzeptiert Ratenzahlungen. Dies kann in Form eines direkten Verkäuferdarlehens oder als Earn-Out-Regelung gestaltet werden.
Eine Kombination mit stillen Beteiligungen kann für beide Seiten vorteilhaft sein, da der Verkäufer weiterhin am Erfolg partizipiert, ohne operativ tätig zu sein, während der Käufer von dessen Erfahrung und Netzwerk profitieren kann.
Herausforderungen und Chancen in der Branche
Die Übernahme eines Unternehmens in der Gastronomie- oder Lebensmittelbranche bringt spezifische Herausforderungen mit sich, eröffnet aber auch besondere Chancen:
Herausforderungen
- Personalgewinnung und -bindung: Der Fachkräftemangel in der Gastronomie und Lebensmittelproduktion stellt eine der größten Herausforderungen dar.
- Kostendruck: Steigende Energie-, Rohstoff- und Personalkosten belasten die Margen und erfordern konsequentes Kostenmanagement.
- Regulatorische Anforderungen: Strenge Auflagen in Bezug auf Hygiene, Dokumentation und Produktkennzeichnung erhöhen den administrativen Aufwand.
- Digitalisierung: Der Druck, digitale Bestellsysteme, Online-Präsenz und moderne Warenwirtschaftssysteme zu implementieren, nimmt stetig zu.
- Verändertes Konsumverhalten: Trends wie vegetarische und vegane Ernährung, Regionalität oder Nachhaltigkeit erfordern Anpassungen im Angebot.
Chancen
- Nischenpositionierung: Spezialisierte Konzepte mit Alleinstellungsmerkmalen können sich erfolgreich vom Wettbewerb abheben.
- Digitalisierung: Innovative digitale Services können Kundenbindung und Effizienz steigern sowie neue Vertriebskanäle erschließen.
- Hybridkonzepte: Die Kombination aus Gastronomie und Einzelhandel oder Produktion eröffnet zusätzliche Ertragsquellen und reduziert Abhängigkeiten.
- Nachhaltigkeit: Umweltfreundliche Verpackungen, ressourcenschonende Produktion und regionale Lieferketten entsprechen dem Zeitgeist und können Wettbewerbsvorteile schaffen.
- Konsolidierungspotenzial: Der Aufbau größerer Einheiten durch Zukäufe ermöglicht Skaleneffekte und verbesserte Marktpositionen.
Erfolgreiche Integration nach dem Kauf
Der langfristige Erfolg einer Übernahme in der Lebensmittel- oder Gastronomiebranche hängt maßgeblich von der Integration nach dem Kauf ab:
Mitarbeiterintegration
Die Einbindung der Mitarbeiter ist besonders kritisch, da das fachliche Know-how und die Kundenbeziehungen oft personengebunden sind. Eine transparente Kommunikation und die frühzeitige Identifikation von Schlüsselmitarbeitern sind entscheidend für einen reibungslosen Übergang. Zusätzliche Anreize wie Beteiligungsmodelle oder Bonusprogramme können helfen, wichtige Fachkräfte zu halten.
Kundenkommunikation
Die bestehenden Kunden sollten frühzeitig und persönlich über den Eigentümerwechsel informiert werden. Besonders bei inhabergeführten Gastronomiebetrieben spielt die persönliche Vorstellung des neuen Eigentümers eine wichtige Rolle. Spezielle Aktionen oder Veranstaltungen können helfen, das Vertrauen der Stammkunden zu gewinnen und zu festigen.
Lieferantenbeziehungen
In der Lebensmittelbranche sind stabile Lieferantenbeziehungen von strategischer Bedeutung. Der neue Eigentümer sollte die wichtigsten Lieferanten persönlich kennenlernen und seine Zukunftspläne kommunizieren. Die Neuverhandlung von Konditionen sollte behutsam erfolgen, um wichtige Partnerschaften nicht zu gefährden.
Schrittweise Modernisierung
Zu radikale Veränderungen können Stammkunden verunsichern und bestehende Stärken des Betriebs gefährden. Eine schrittweise Modernisierung mit behutsamen Anpassungen hat sich in vielen Fällen bewährt. Beginnen Sie mit Maßnahmen, die die Effizienz steigern, ohne das Kundenerlebnis negativ zu beeinflussen, wie etwa der Optimierung von Arbeitsabläufen oder der modernisierten Warenwirtschaft.
Wissenstransfer sicherstellen
Gerade in der handwerklichen Lebensmittelproduktion und der Gastronomie ist viel implizites Wissen vorhanden, das nicht in Handbüchern oder Rezepten dokumentiert ist. Sichern Sie einen strukturierten Wissenstransfer vom Verkäufer und langjährigen Mitarbeitern, etwa durch Mentoring-Programme oder die Dokumentation von Schlüsselprozessen.
Nennenswerte Transaktionen:
- 19.06.2024 – Die Lifesum AB, der Betreiber einer Ernährungs-App, kauft die LykonDX GmbH, ein Hersteller von Gesundheitsprodukten mit Fokus auf Ernährungsoptimierung.
- 12.06.2024 – Die Emmi AG, eine schweizerische Molkerei, kauft die Hochstrasser AG, eine Kaffeerösterei.
- 10.06.2024 – Die OETTINGER Brauerei GmbH, eine deutsche Brauereigruppe, kauft die Karmeliter Bräu GmbH & Co. KG, eine Brauerei mit Fokus auf Bierspezialitäten.
- 04.06.2024 – Die Parcom Capital Management B.V., ein niederländisches Private-Equity-Unternehmen, kauft die Abbelen GmbH, ein Lebensmittelproduzent mit Fokus auf die Convenience-Branche.