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Unternehmenskauf finanzieren mit wenig Eigenkapital: Strategien für Existenzgründer

16 min Lesezeit

Der Traum vom eigenen Unternehmen muss nicht an fehlendem Eigenkapital scheitern. Während Banken und traditionelle Finanzierer oft hohe Eigen­kapital­quoten von 20-30% fordern, gibt es kreative Finanzierungs­strategien, die auch Existenz­gründern mit begrenzten finanziellen Mitteln den Unternehmens­kauf ermöglichen. Dieser Artikel zeigt praxis­erprobte Wege, wie Sie mit wenig Eigen­kapital eine Firma übernehmen können.

Die Herausforderung: Eigenkapital-Anforderungen beim Unternehmenskauf

Bei einer klassischen Unternehmens­übernahme gehen Banken von folgenden Eigen­kapital­anteilen aus:

  • Kleinstunternehmen: 15-20% Eigenkapital
  • Kleine Unternehmen: 20-25% Eigenkapital
  • Mittlere Unternehmen: 25-30% Eigenkapital

Bei einem Kaufpreis von 500.000 Euro müssten Sie also theoretisch 100.000 bis 150.000 Euro an Eigen­mitteln aufbringen – eine Hürde, die für viele Existenz­gründer und junge Unternehmer kaum zu überwinden ist.

Mut machende Realität: Studien zeigen, dass über 40% aller erfolgreichen Unternehmens­übernahmen mit weniger als 15% Eigen­kapital realisiert werden. Die richtige Finanzierungs­strategie macht's möglich!

7 Strategien zur Unternehmensübernahme mit geringem Eigenkapital

1. Öffentliche Förderprogramme optimal nutzen

Die wichtigste Finanzierungs­säule für Existenz­gründer mit wenig Eigen­kapital sind öffentliche Förder­programme:

a) KfW-Förderprogramme für Unternehmenskäufe

  • KfW-Unternehmens­kredit: Finanziert bis zu 100% der förderfähigen Kosten mit günstigen Zinsen
  • ERP-Gründer­kredit StartGeld: Für Kaufpreise bis 125.000 Euro, nur 10-15% Eigenkapital erforderlich
  • ERP-Kapital für Gründung: Nachrangdarlehen mit eigenkapital­ähnlicher Funktion

Praxistipp: KfW-Mittel werden immer über Ihre Hausbank beantragt (Hausbank­prinzip). Bereiten Sie einen überzeugenden Business­plan vor, bevor Sie das Gespräch suchen.

b) Regionale Förderprogramme der Bundesländer

  • Bürgschafts­banken: Übernehmen bis zu 80% der Kredit­ausfallrisiken
  • Regionale Wirtschafts­förderung: Je nach Bundesland unterschiedliche Programme
  • Mikro­finanzierungs­institute: Kleinere Beträge bis 25.000 Euro ohne strenge Eigen­kapital­anforderungen

Beachten Sie: Förder­programme in wirtschaftlich schwächeren Regionen wie Thüringen oder Brandenburg sind oft großzügiger als in wirtschafts­starken Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg.

2. Verkäuferfinanzierung als Eigenkapital-Ersatz

Eine der effektivsten Strategien bei geringem Eigen­kapital ist die Einbindung des Verkäufers in die Finanzierung:

a) Verkäuferdarlehen

  • 10-30% des Kaufpreises werden als Darlehen vom Verkäufer gewährt
  • Meist mit tilgungsfreien Jahren zu Beginn
  • Zinssätze oft unter Markt­niveau als Verhandlungs­ergebnis

b) Raten­kaufmodelle

  • Kaufpreis wird über mehrere Jahre in festen Raten gezahlt
  • Vorteil: Finanzierung aus laufenden Erträgen möglich
  • Praxisbeispiel: Bei einem Kaufpreis von 400.000 Euro werden 100.000 Euro als Anzahlung geleistet, der Rest in 60 Monats­raten

c) Earn-Out-Vereinbarungen

  • Variable Kaufpreis­komponente abhängig vom zukünftigen Unternehmens­erfolg
  • Verkäufer partizipiert an positiver Entwicklung
  • Reduziert das initiale Kapital­bedürfnis erheblich

Praxistipp: Verkäuferdarlehen werden von Banken oft als Quasi-Eigenkapital anerkannt, was die Finanzierungs­struktur deutlich verbessert.

3. Mezzanine-Kapital als Eigenkapital-Brücke

Mezzanine-Kapital schließt die Lücke zwischen klassischem Fremd- und Eigenkapital:

a) Nachrangdarlehen

  • Nachrangig gegenüber anderen Krediten
  • Wird von Banken teil­weise wie Eigenkapital behandelt
  • 6-10% Zinssatz, aber keine Unternehmens­anteile

b) Stille Beteiligungen

  • Kapital­geber erhält Gewinn­beteiligung ohne Mitsprache­rechte
  • Besonders interessant für Übernahmen von Familien­unternehmen
  • Auch von öffentlichen Fonds (Mittelständische Beteiligungs­gesellschaften) erhältlich

c) Genussrechte

  • Kapital mit eigenkapital­ähnlichem Charakter
  • Feste Verzinsung plus erfolgs­abhängige Komponente
  • Keine Gesellschafter­stellung erforderlich

4. Beteiligungskapital strategisch einsetzen

Wenn Sie bereit sind, Anteile abzugeben, eröffnen sich weitere Finanzierungs­quellen:

a) Business Angels und private Investoren

  • Erfahrene Unternehmer mit Kapital und Netzwerk
  • Typische Beteiligungs­höhe: 50.000-250.000 Euro
  • Meist Minderheits­beteiligungen mit aktivem Mentoring

Praxistipp: Business Angels suchen nicht nur Rendite, sondern wollen oft ihr Know-how einbringen. Zeigen Sie, wie ihr Erfahrungs­schatz dem Unternehmen nutzen kann.

b) Family & Friends

  • Finanzierung durch Verwandte und Freunde
  • Flexible Konditionen möglich
  • Wichtig: Klare vertragliche Regelungen treffen!

c) Crowd­investing-Plattformen

5. Kreative Asset-basierte Finanzierungs­modelle

Bei Unternehmen mit wertvollen Vermögens­gegenständen können diese zur Finanzierung genutzt werden:

a) Leasing & Factoring

  • Maschinen und Anlagen im Leasing statt Kauf
  • Forderungs­verkauf zur Liquiditäts­sicherung
  • Reduziert den initialen Kapital­bedarf erheblich

b) Asset-Based-Lending

c) Sale-and-Lease-Back

  • Verkauf von Unternehmens­assets mit gleichzeitiger Rückmietung
  • Sofortige Liquidität bei weiterer Nutzungs­möglichkeit
  • Eignet sich für maschinen­intensive Betriebe

6. Branchenspezifische Lösungen nutzen

Je nach Branche bieten sich unterschiedliche Spezial­lösungen an:

a) IT und Software

  • IT-Unternehmen und Software­firmen können oft mit geringeren Sicherheiten finanziert werden
  • Venture-Debt-Finanzierungen speziell für Tech-Unternehmen
  • Intellectual Property als Sicherheit

b) Handwerk und Dienstleistung

c) Freie Berufe

  • Spezial­programme für Arztpraxen, Apotheken oder Steuerberater­praxen
  • Berufs­ständische Versorgungs­werke bieten teilweise Finanzierungen an
  • Branchen­spezifische Kreditprogramme mit niedrigeren Eigen­kapital­anforderungen

7. Management Buy-In mit gestaffeltem Einstieg

Für Management Buy-Ins (MBI) bietet sich ein schrittweiser Einstieg an:

a) Minderheits­beteiligung mit Aufstockungs­option

  • Zunächst Erwerb einer Minderheits­beteiligung (25-49%)
  • Vereinbarung von Call-Optionen für weitere Anteile
  • Finanzierung der weiteren Anteile aus Gewinn­entnahmen

b) Tandem-Lösungen mit dem Verkäufer

  • Gemeinsame Geschäfts­führung für Übergangs­zeitraum
  • Schrittweise Übernahme von Verantwortung und Anteilen
  • Besonders bei Familien­unternehmen praktikabel

Praxistipp: Bei Management Buy-Ins können Sie Ihre Fach­expertise und Führungs­erfahrung als "immaterielles Eigenkapital" einbringen.

Musterkalkulation: Unternehmens­übernahme mit 5% Eigenkapital

Am Beispiel eines mittelständischen Handwerks­betriebs zeigen wir, wie eine Finanzierung mit minimalem Eigenkapital aussehen könnte:

Ausgangslage:

  • Kaufpreis: 400.000 Euro
  • Verfügbares Eigenkapital: 20.000 Euro (5%)
  • EBITDA des Unternehmens: 80.000 Euro jährlich

Finanzierungs­mix:

  1. Eigenkapital: 20.000 Euro (5%)
  2. KfW-Unternehmer­kredit: 200.000 Euro (50%)
    • Laufzeit: 10 Jahre
    • Zinssatz: 3,5% p.a.
    • Tilgungsfreie Jahre: 2
  3. Verkäuferdarlehen: 100.000 Euro (25%)
    • Laufzeit: 5 Jahre
    • Zinssatz: 4% p.a.
    • Nachrangig gegenüber Bankdarlehen
  4. Earn-Out-Komponente: 80.000 Euro (20%)
    • Zahlbar über 4 Jahre, abhängig vom Umsatzwachstum
    • Jährliche Kapitaldienstgrenze: 70% des EBITDA

Bonitäts­steigerung: Durch die Kombination verschiedener Finanzierungs­bausteine wird aus der anfänglichen 5%-Eigenkapital­quote eine von Banken akzeptierte Struktur, da Verkäuferdarlehen oft als wirtschaftliches Eigenkapital gewertet werden.

Die 5 größten Hürden bei geringer Eigenkapital­ausstattung

1. Skepsis der Banken überwinden

Traditionelle Banken haben strenge Eigenkapital­anforderungen. So überzeugen Sie trotzdem:

  • Solider Businessplan mit realistischen Prognosen
  • Nachweise Ihrer Branchenerfahrung und Management­kompetenz
  • Persönliche Bürgschaften anbieten (mit Obergrenze!)
  • Mehrere Finanzierungs­partner einbeziehen

2. Due Diligence bei begrenztem Budget

Eine gründliche Due Diligence ist trotz knapper Mittel unerlässlich:

  • Fokussierte Prüfung auf Kern­risiken
  • Externe Experten punktuell einsetzen
  • Verkäufer einbinden in transparente Due Diligence
  • Red-Flag-Ansatz statt Vollprüfung

3. Risiko­minimierung für Investoren

Um Kapital­geber trotz geringer Eigenkapital­quote zu überzeugen:

  • Persönliches Commitment demonstrieren (z.B. durch Gehaltsverzicht)
  • Milestone-basierte Finanzierungs­zusagen vereinbaren
  • Aufsichtsrat oder Beirat als Kontrollgremium etablieren
  • Lebens­versicherungen als zusätzliche Sicherheit einbringen

4. Verhandlungs­position bei niedrigem Eigenkapital

Ihre Verhandlungs­position verbessern Sie durch:

  • Mehrwert-Argumentation: Zeigen Sie, wie Sie das Unternehmen weiterentwickeln werden
  • Zahlungs­struktur: Bieten Sie dem Verkäufer attraktive Zahlungs­modelle mit Sicherheiten
  • Nicht-monetäre Faktoren: Betonen Sie die Fortführung des Unternehmens­erbes
  • Verhandlungs­strategien gezielt einsetzen

5. Liquiditäts­engpässe nach der Übernahme

Die erste Phase nach der Übernahme ist kritisch:

  • Liquiditäts­reserve von mindestens 10% des Kaufpreises einplanen
  • Kontokorrent­kredit für operative Liquidität sicherstellen
  • Zahlungsziele mit Lieferanten und Kunden neu verhandeln
  • Kosten­strukturanalyse direkt nach Übernahme durchführen

Branchenspezifische Finanzierungs­beispiele mit wenig Eigenkapital

Beispiel 1: Übernahme einer IT-Beratung

Bei IT-Dienstleistern ist das Hauptkapital das Know-how der Mitarbeiter:

  • Kaufpreis: 600.000 Euro (Faktor 4-5 des Jahresgewinns)
  • Eigenkapital: 60.000 Euro (10%)
  • Finanzierung:
    • KfW-Gründer­kredit: 300.000 Euro
    • Earn-Out über 3 Jahre: 240.000 Euro
    • Besonderheit: Bindung der Schlüssel­mitarbeiter als Teil des Kaufvertrags

Beispiel 2: Übernahme eines Handwerksbetriebs

Bei Handwerks­betrieben können substanzielle Vermögens­werte genutzt werden:

  • Kaufpreis: 350.000 Euro
  • Eigenkapital: 35.000 Euro (10%)
  • Finanzierung:
    • KfW-Unternehmer­kredit: 200.000 Euro
    • Maschinen-Leasing: 80.000 Euro
    • Verkäuferdarlehen: 35.000 Euro
    • Besonderheit: Handwerkskammer-Bürgschaft als zusätzliche Sicherheit

Beispiel 3: Übernahme eines Online-Shops

E-Commerce-Unternehmen bieten spezielle Finanzierungs­möglichkeiten:

  • Kaufpreis: 250.000 Euro
  • Eigenkapital: 25.000 Euro (10%)
  • Finanzierung:
    • Earn-Out-Komponente: 100.000 Euro (basierend auf Umsatzzielen)
    • Bankdarlehen: 100.000 Euro
    • Crowd­investing: 25.000 Euro
    • Besonderheit: Warenlager als Sicherheit und Factoring der Forderungen

Praxis­tipps für Existenz­gründer mit wenig Eigenkapital

1. Unternehmens­auswahl strategisch angehen

  • Fokus auf Substanz statt oberflächlichem Wachstum
  • Nachhaltige Cashflows als wichtigstes Kriterium
  • Unternehmen mit Optimierungs­potenzial suchen
  • Mit Checkliste für den Unternehmens­kauf systematisch vorgehen

2. Frühzeitige Finanzierungs­gespräche führen

  • Parallel verhandeln mit mehreren Finanzierungs­partnern
  • Transparente Kommunikation über die Gesamt­finanzierung
  • Förderberatung in Anspruch nehmen (oft kostenfrei bei IHK/HWK)
  • Banken als Partner, nicht als Gegner betrachten

3. Den richtigen Verkäufer finden

  • Nachfolge­problematik als Chance nutzen
  • Verkäufer mit Bereitschaft zur Finanzierungs­beteiligung suchen
  • Emotionale Faktoren bei Familien­unternehmen berücksichtigen
  • Unseriöse Verkäufer frühzeitig erkennen

4. Persönliche Qualifikation als "immaterielles Eigenkapital"

  • Branchenerfahrung hervorheben
  • Management­kompetenzen dokumentieren
  • Netzwerk und Partner einbringen
  • Zukunfts­vision für das Unternehmen entwickeln

Fazit: Mit wenig Eigenkapital zum eigenen Unternehmen

Der Unternehmens­kauf mit geringem Eigenkapital ist anspruchsvoll, aber durchaus realistisch. Der Schlüssel liegt in der kreativen Kombination verschiedener Finanzierungs­bausteine und einer überzeugenden persönlichen Qualifikation. Entscheidend ist, dass Sie:

  • Verschiedene Finanzierungs­quellen intelligent kombinieren
  • Den Verkäufer in die Finanzierung einbinden
  • Öffentliche Förderungen optimal nutzen
  • Ihre persönlichen Stärken als immaterielles Eigenkapital einbringen
  • Branchenspezifische Lösungen finden

Mit der richtigen Vorbereitung und Strategie kann der Traum vom eigenen Unternehmen auch mit begrenztem Eigenkapital verwirklicht werden. Der Aufwand lohnt sich: Eine Unternehmens­nachfolge bietet meist deutlich bessere Erfolgs­aussichten als eine komplette Neugründung.

Abschließender Tipp: Beginnen Sie Ihre Suche nach dem passenden Unternehmen frühzeitig und parallel zur Finanzierungs­planung. So können Sie flexibel auf Gelegenheiten reagieren und haben bereits eine Finanzierungs­strategie, wenn sich die richtige Chance ergibt.

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Über den Autor

Christopher Heckel

Christopher Heckel

Co-Founder & CTO

Christopher hat als CTO des Mittelstandsfinanziers Creditshelf die digitale Transformation von Finanzlösungen für den Mittelstand geleitet. Viaductus wurde mit dem Ziel gegründet, mit Technologie für Unternehmensübernahmen und -verkäufe Menschen zu unterstützen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen.

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