Unternehmenskauf finanzieren mit wenig Eigenkapital: Strategien für Existenzgründer
Der Traum vom eigenen Unternehmen muss nicht an fehlendem Eigenkapital scheitern. Während Banken und traditionelle Finanzierer oft hohe Eigenkapitalquoten von 20-30% fordern, gibt es kreative Finanzierungsstrategien, die auch Existenzgründern mit begrenzten finanziellen Mitteln den Unternehmenskauf ermöglichen. Dieser Artikel zeigt praxiserprobte Wege, wie Sie mit wenig Eigenkapital eine Firma übernehmen können.
Die Herausforderung: Eigenkapital-Anforderungen beim Unternehmenskauf
Bei einer klassischen Unternehmensübernahme gehen Banken von folgenden Eigenkapitalanteilen aus:
- Kleinstunternehmen: 15-20% Eigenkapital
- Kleine Unternehmen: 20-25% Eigenkapital
- Mittlere Unternehmen: 25-30% Eigenkapital
Bei einem Kaufpreis von 500.000 Euro müssten Sie also theoretisch 100.000 bis 150.000 Euro an Eigenmitteln aufbringen – eine Hürde, die für viele Existenzgründer und junge Unternehmer kaum zu überwinden ist.
Mut machende Realität: Studien zeigen, dass über 40% aller erfolgreichen Unternehmensübernahmen mit weniger als 15% Eigenkapital realisiert werden. Die richtige Finanzierungsstrategie macht's möglich!
7 Strategien zur Unternehmensübernahme mit geringem Eigenkapital
1. Öffentliche Förderprogramme optimal nutzen
Die wichtigste Finanzierungssäule für Existenzgründer mit wenig Eigenkapital sind öffentliche Förderprogramme:
a) KfW-Förderprogramme für Unternehmenskäufe
- KfW-Unternehmenskredit: Finanziert bis zu 100% der förderfähigen Kosten mit günstigen Zinsen
- ERP-Gründerkredit StartGeld: Für Kaufpreise bis 125.000 Euro, nur 10-15% Eigenkapital erforderlich
- ERP-Kapital für Gründung: Nachrangdarlehen mit eigenkapitalähnlicher Funktion
Praxistipp: KfW-Mittel werden immer über Ihre Hausbank beantragt (Hausbankprinzip). Bereiten Sie einen überzeugenden Businessplan vor, bevor Sie das Gespräch suchen.
b) Regionale Förderprogramme der Bundesländer
- Bürgschaftsbanken: Übernehmen bis zu 80% der Kreditausfallrisiken
- Regionale Wirtschaftsförderung: Je nach Bundesland unterschiedliche Programme
- Mikrofinanzierungsinstitute: Kleinere Beträge bis 25.000 Euro ohne strenge Eigenkapitalanforderungen
Beachten Sie: Förderprogramme in wirtschaftlich schwächeren Regionen wie Thüringen oder Brandenburg sind oft großzügiger als in wirtschaftsstarken Regionen wie Bayern oder Baden-Württemberg.
2. Verkäuferfinanzierung als Eigenkapital-Ersatz
Eine der effektivsten Strategien bei geringem Eigenkapital ist die Einbindung des Verkäufers in die Finanzierung:
a) Verkäuferdarlehen
- 10-30% des Kaufpreises werden als Darlehen vom Verkäufer gewährt
- Meist mit tilgungsfreien Jahren zu Beginn
- Zinssätze oft unter Marktniveau als Verhandlungsergebnis
b) Ratenkaufmodelle
- Kaufpreis wird über mehrere Jahre in festen Raten gezahlt
- Vorteil: Finanzierung aus laufenden Erträgen möglich
- Praxisbeispiel: Bei einem Kaufpreis von 400.000 Euro werden 100.000 Euro als Anzahlung geleistet, der Rest in 60 Monatsraten
c) Earn-Out-Vereinbarungen
- Variable Kaufpreiskomponente abhängig vom zukünftigen Unternehmenserfolg
- Verkäufer partizipiert an positiver Entwicklung
- Reduziert das initiale Kapitalbedürfnis erheblich
Praxistipp: Verkäuferdarlehen werden von Banken oft als Quasi-Eigenkapital anerkannt, was die Finanzierungsstruktur deutlich verbessert.
3. Mezzanine-Kapital als Eigenkapital-Brücke
Mezzanine-Kapital schließt die Lücke zwischen klassischem Fremd- und Eigenkapital:
a) Nachrangdarlehen
- Nachrangig gegenüber anderen Krediten
- Wird von Banken teilweise wie Eigenkapital behandelt
- 6-10% Zinssatz, aber keine Unternehmensanteile
b) Stille Beteiligungen
- Kapitalgeber erhält Gewinnbeteiligung ohne Mitspracherechte
- Besonders interessant für Übernahmen von Familienunternehmen
- Auch von öffentlichen Fonds (Mittelständische Beteiligungsgesellschaften) erhältlich
c) Genussrechte
- Kapital mit eigenkapitalähnlichem Charakter
- Feste Verzinsung plus erfolgsabhängige Komponente
- Keine Gesellschafterstellung erforderlich
4. Beteiligungskapital strategisch einsetzen
Wenn Sie bereit sind, Anteile abzugeben, eröffnen sich weitere Finanzierungsquellen:
a) Business Angels und private Investoren
- Erfahrene Unternehmer mit Kapital und Netzwerk
- Typische Beteiligungshöhe: 50.000-250.000 Euro
- Meist Minderheitsbeteiligungen mit aktivem Mentoring
Praxistipp: Business Angels suchen nicht nur Rendite, sondern wollen oft ihr Know-how einbringen. Zeigen Sie, wie ihr Erfahrungsschatz dem Unternehmen nutzen kann.
b) Family & Friends
- Finanzierung durch Verwandte und Freunde
- Flexible Konditionen möglich
- Wichtig: Klare vertragliche Regelungen treffen!
c) Crowdinvesting-Plattformen
- Kleinbeträge von vielen Investoren
- Besonders geeignet für Online-Businesses und E-Commerce-Unternehmen
- Typische Finanzierungssummen: 100.000-500.000 Euro
5. Kreative Asset-basierte Finanzierungsmodelle
Bei Unternehmen mit wertvollen Vermögensgegenständen können diese zur Finanzierung genutzt werden:
a) Leasing & Factoring
- Maschinen und Anlagen im Leasing statt Kauf
- Forderungsverkauf zur Liquiditätssicherung
- Reduziert den initialen Kapitalbedarf erheblich
b) Asset-Based-Lending
- Kredite auf Basis des Anlage- und Umlaufvermögens
- Vorräte, Maschinen oder Immobilien als Sicherheit
- Besonders relevant für Produktionsunternehmen und Maschinenbau
c) Sale-and-Lease-Back
- Verkauf von Unternehmensassets mit gleichzeitiger Rückmietung
- Sofortige Liquidität bei weiterer Nutzungsmöglichkeit
- Eignet sich für maschinenintensive Betriebe
6. Branchenspezifische Lösungen nutzen
Je nach Branche bieten sich unterschiedliche Speziallösungen an:
a) IT und Software
- IT-Unternehmen und Softwarefirmen können oft mit geringeren Sicherheiten finanziert werden
- Venture-Debt-Finanzierungen speziell für Tech-Unternehmen
- Intellectual Property als Sicherheit
b) Handwerk und Dienstleistung
- Für Handwerksbetriebe und Dienstleistungsunternehmen gibt es spezielle Förderprogramme der Handwerkskammern
- Meistergründungsprämien in einigen Bundesländern
- Bürgschaften der Handwerkskammern
c) Freie Berufe
- Spezialprogramme für Arztpraxen, Apotheken oder Steuerberaterpraxen
- Berufsständische Versorgungswerke bieten teilweise Finanzierungen an
- Branchenspezifische Kreditprogramme mit niedrigeren Eigenkapitalanforderungen
7. Management Buy-In mit gestaffeltem Einstieg
Für Management Buy-Ins (MBI) bietet sich ein schrittweiser Einstieg an:
a) Minderheitsbeteiligung mit Aufstockungsoption
- Zunächst Erwerb einer Minderheitsbeteiligung (25-49%)
- Vereinbarung von Call-Optionen für weitere Anteile
- Finanzierung der weiteren Anteile aus Gewinnentnahmen
b) Tandem-Lösungen mit dem Verkäufer
- Gemeinsame Geschäftsführung für Übergangszeitraum
- Schrittweise Übernahme von Verantwortung und Anteilen
- Besonders bei Familienunternehmen praktikabel
Praxistipp: Bei Management Buy-Ins können Sie Ihre Fachexpertise und Führungserfahrung als "immaterielles Eigenkapital" einbringen.
Musterkalkulation: Unternehmensübernahme mit 5% Eigenkapital
Am Beispiel eines mittelständischen Handwerksbetriebs zeigen wir, wie eine Finanzierung mit minimalem Eigenkapital aussehen könnte:
Ausgangslage:
- Kaufpreis: 400.000 Euro
- Verfügbares Eigenkapital: 20.000 Euro (5%)
- EBITDA des Unternehmens: 80.000 Euro jährlich
Finanzierungsmix:
- Eigenkapital: 20.000 Euro (5%)
- KfW-Unternehmerkredit: 200.000 Euro (50%)
- Laufzeit: 10 Jahre
- Zinssatz: 3,5% p.a.
- Tilgungsfreie Jahre: 2
- Verkäuferdarlehen: 100.000 Euro (25%)
- Laufzeit: 5 Jahre
- Zinssatz: 4% p.a.
- Nachrangig gegenüber Bankdarlehen
- Earn-Out-Komponente: 80.000 Euro (20%)
- Zahlbar über 4 Jahre, abhängig vom Umsatzwachstum
- Jährliche Kapitaldienstgrenze: 70% des EBITDA
Bonitätssteigerung: Durch die Kombination verschiedener Finanzierungsbausteine wird aus der anfänglichen 5%-Eigenkapitalquote eine von Banken akzeptierte Struktur, da Verkäuferdarlehen oft als wirtschaftliches Eigenkapital gewertet werden.
Die 5 größten Hürden bei geringer Eigenkapitalausstattung
1. Skepsis der Banken überwinden
Traditionelle Banken haben strenge Eigenkapitalanforderungen. So überzeugen Sie trotzdem:
- Solider Businessplan mit realistischen Prognosen
- Nachweise Ihrer Branchenerfahrung und Managementkompetenz
- Persönliche Bürgschaften anbieten (mit Obergrenze!)
- Mehrere Finanzierungspartner einbeziehen
2. Due Diligence bei begrenztem Budget
Eine gründliche Due Diligence ist trotz knapper Mittel unerlässlich:
- Fokussierte Prüfung auf Kernrisiken
- Externe Experten punktuell einsetzen
- Verkäufer einbinden in transparente Due Diligence
- Red-Flag-Ansatz statt Vollprüfung
3. Risikominimierung für Investoren
Um Kapitalgeber trotz geringer Eigenkapitalquote zu überzeugen:
- Persönliches Commitment demonstrieren (z.B. durch Gehaltsverzicht)
- Milestone-basierte Finanzierungszusagen vereinbaren
- Aufsichtsrat oder Beirat als Kontrollgremium etablieren
- Lebensversicherungen als zusätzliche Sicherheit einbringen
4. Verhandlungsposition bei niedrigem Eigenkapital
Ihre Verhandlungsposition verbessern Sie durch:
- Mehrwert-Argumentation: Zeigen Sie, wie Sie das Unternehmen weiterentwickeln werden
- Zahlungsstruktur: Bieten Sie dem Verkäufer attraktive Zahlungsmodelle mit Sicherheiten
- Nicht-monetäre Faktoren: Betonen Sie die Fortführung des Unternehmenserbes
- Verhandlungsstrategien gezielt einsetzen
5. Liquiditätsengpässe nach der Übernahme
Die erste Phase nach der Übernahme ist kritisch:
- Liquiditätsreserve von mindestens 10% des Kaufpreises einplanen
- Kontokorrentkredit für operative Liquidität sicherstellen
- Zahlungsziele mit Lieferanten und Kunden neu verhandeln
- Kostenstrukturanalyse direkt nach Übernahme durchführen
Branchenspezifische Finanzierungsbeispiele mit wenig Eigenkapital
Beispiel 1: Übernahme einer IT-Beratung
Bei IT-Dienstleistern ist das Hauptkapital das Know-how der Mitarbeiter:
- Kaufpreis: 600.000 Euro (Faktor 4-5 des Jahresgewinns)
- Eigenkapital: 60.000 Euro (10%)
- Finanzierung:
- KfW-Gründerkredit: 300.000 Euro
- Earn-Out über 3 Jahre: 240.000 Euro
- Besonderheit: Bindung der Schlüsselmitarbeiter als Teil des Kaufvertrags
Beispiel 2: Übernahme eines Handwerksbetriebs
Bei Handwerksbetrieben können substanzielle Vermögenswerte genutzt werden:
- Kaufpreis: 350.000 Euro
- Eigenkapital: 35.000 Euro (10%)
- Finanzierung:
- KfW-Unternehmerkredit: 200.000 Euro
- Maschinen-Leasing: 80.000 Euro
- Verkäuferdarlehen: 35.000 Euro
- Besonderheit: Handwerkskammer-Bürgschaft als zusätzliche Sicherheit
Beispiel 3: Übernahme eines Online-Shops
E-Commerce-Unternehmen bieten spezielle Finanzierungsmöglichkeiten:
- Kaufpreis: 250.000 Euro
- Eigenkapital: 25.000 Euro (10%)
- Finanzierung:
- Earn-Out-Komponente: 100.000 Euro (basierend auf Umsatzzielen)
- Bankdarlehen: 100.000 Euro
- Crowdinvesting: 25.000 Euro
- Besonderheit: Warenlager als Sicherheit und Factoring der Forderungen
Praxistipps für Existenzgründer mit wenig Eigenkapital
1. Unternehmensauswahl strategisch angehen
- Fokus auf Substanz statt oberflächlichem Wachstum
- Nachhaltige Cashflows als wichtigstes Kriterium
- Unternehmen mit Optimierungspotenzial suchen
- Mit Checkliste für den Unternehmenskauf systematisch vorgehen
2. Frühzeitige Finanzierungsgespräche führen
- Parallel verhandeln mit mehreren Finanzierungspartnern
- Transparente Kommunikation über die Gesamtfinanzierung
- Förderberatung in Anspruch nehmen (oft kostenfrei bei IHK/HWK)
- Banken als Partner, nicht als Gegner betrachten
3. Den richtigen Verkäufer finden
- Nachfolgeproblematik als Chance nutzen
- Verkäufer mit Bereitschaft zur Finanzierungsbeteiligung suchen
- Emotionale Faktoren bei Familienunternehmen berücksichtigen
- Unseriöse Verkäufer frühzeitig erkennen
4. Persönliche Qualifikation als "immaterielles Eigenkapital"
- Branchenerfahrung hervorheben
- Managementkompetenzen dokumentieren
- Netzwerk und Partner einbringen
- Zukunftsvision für das Unternehmen entwickeln
Fazit: Mit wenig Eigenkapital zum eigenen Unternehmen
Der Unternehmenskauf mit geringem Eigenkapital ist anspruchsvoll, aber durchaus realistisch. Der Schlüssel liegt in der kreativen Kombination verschiedener Finanzierungsbausteine und einer überzeugenden persönlichen Qualifikation. Entscheidend ist, dass Sie:
- Verschiedene Finanzierungsquellen intelligent kombinieren
- Den Verkäufer in die Finanzierung einbinden
- Öffentliche Förderungen optimal nutzen
- Ihre persönlichen Stärken als immaterielles Eigenkapital einbringen
- Branchenspezifische Lösungen finden
Mit der richtigen Vorbereitung und Strategie kann der Traum vom eigenen Unternehmen auch mit begrenztem Eigenkapital verwirklicht werden. Der Aufwand lohnt sich: Eine Unternehmensnachfolge bietet meist deutlich bessere Erfolgsaussichten als eine komplette Neugründung.
Abschließender Tipp: Beginnen Sie Ihre Suche nach dem passenden Unternehmen frühzeitig und parallel zur Finanzierungsplanung. So können Sie flexibel auf Gelegenheiten reagieren und haben bereits eine Finanzierungsstrategie, wenn sich die richtige Chance ergibt.
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Christopher Heckel
Co-Founder & CTO
Christopher hat als CTO des Mittelstandsfinanziers Creditshelf die digitale Transformation von Finanzlösungen für den Mittelstand geleitet. Viaductus wurde mit dem Ziel gegründet, mit Technologie für Unternehmensübernahmen und -verkäufe Menschen zu unterstützen, ihre finanziellen Ziele zu erreichen.
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